{"id":258,"date":"2015-11-28T18:58:00","date_gmt":"2015-11-28T18:58:00","guid":{"rendered":"http:\/\/borncity.com\/japan\/?p=258"},"modified":"2019-04-29T11:17:53","modified_gmt":"2019-04-29T09:17:53","slug":"was-kostet-das-bahnticket","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/borncity.eu\/japan\/2015\/11\/28\/was-kostet-das-bahnticket\/","title":{"rendered":"Was kostet das Bahnticket?"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" style=\"float: left; margin: 0px 10px 0px 0px; display: inline;\" src=\"https:\/\/borncity.eu\/japan\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/flagge11.jpg\" alt=\"\" align=\"left\" \/>Bahn fahren ist in Japan das Verkehrsmittel der Wahl \u2013 Millionen Japaner quetschen sich Morgens und Abends in \u00f6ffentliche Verkehrsmittel, um zur Arbeit zu kommen und dann wieder nach Hause zur\u00fcck zu kehren. Auch ich bin h\u00e4ufig Bahn gefahren. Und habe so manche Skurrilit\u00e4t erlebt. Aber vor der ersten Bahnfahrt galt es, ein Ticket zu kaufen. Aber was kostet dieses Ticket \u2013 eine einfache Frage, die Japaner an ihre\u00a0Grenzen bringen kann.<!--more--><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ssl-vg03.met.vgwort.de\/na\/bb39bada2f764537ad40aef3ea030e75\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/>Die Begebenheit ist mir auch noch ein viertel Jahrhundert sp\u00e4ter im Ged\u00e4chtnis haften geblieben, weil sie etwas \u00fcber die Denkwelten von Japaners und westlicher Menschen verr\u00e4t (ich stelle das erst einmal g\u00e4nzlich wertneutral in den Raum). Beim ersten Japan-Aufenthalt hatte mir der Chefingenieur vorgeschlagen, dass eine junge Angestellte mir am Wochennde Tokyo zeigen sollte. Dazu musste ich von Kawagoe, wo ich wohnte, per Bahn nach Tokyo fahren.<\/p>\n<p>Konkret ging es um eine Bahnfahrt mit der <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Seibu_Shinjuku_Line\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Seibu-Shinjuku-Line<\/a> von <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Hon-Kawagoe_Station\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Hon Kawagoe<\/a> (Bahnhof in Kawagoe) zur Endstation <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Seibu-Shinjuku_Station\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Shinjuku<\/a>, einem Stadtteil von Tokyo. Da ich weder die Sprache sprechen noch japanische Schriftzeichen lesen konnte, nahm mich der Chefingenieur Donnerstags nach Feierabend an die Hand und meinte, \u201cich zeige dir, wo Du abf\u00e4hrst\u201d. Ich bat ihn, mir zu erkl\u00e4ren, wie ich an den Fahrkartenautomaten ein Ticket l\u00f6sen konnte. Es war recht einfach, auf dem Automaten war ein Feld f\u00fcr die Endstation vorhanden, welches beim Dr\u00fccken die passende Fahrkarte vom Automaten ausdruckte.<\/p>\n<p>Nachdem er mir das Prozedere erkl\u00e4rt hatte, nannte er mir noch den Preis f\u00fcr die Fahrkarte \u2013 daran k\u00f6nne ich erkennen, dass ich das richtige Ticket gel\u00f6st habe. War f\u00fcr mich alles recht logisch und nachvollziehbar. Allerdings gab es noch was, was mich st\u00f6rte. Er gab mir zwei Mal zu verstehen, dass ich genau den am Automaten angezeigten Preis beachten solle, da andernfalls das Ticket falsch sei. <a href=\"http:\/\/web.archive.org\/web\/20150928191640\/http:\/\/www.seibu-group.co.jp\/railways\/tourist\/english\/train_information\/about_tickets\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Hier<\/a> habe ich zwischenzeitlich eine englische Seite der Seibu-Group mit Hinweisen zum Fahrkartenkauf gefunden \u2013 und <a href=\"http:\/\/web.archive.org\/web\/20160311154317\/http:\/\/www.seibu-group.co.jp\/railways\/tourist\/english\/train_information\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">hier gibt es<\/a> ein Bild eines Fahrkartenautomaten, die damals aber noch nicht mit Touchscreen ausgestattet waren.<\/p>\n<p>Ich gab ihm zum verstehen, dass ich zuversichtlich sei, den Fahrkartenautomaten bedienen und das richtige Ticket ziehen zu k\u00f6nnen. Nur fragte ich ihn, ob er mit dem Preis wirklich sicher sei, oder ob das Ticket nicht ein klein wenig teurer sei. Er studierte darauf hin nochmals gut 2 Minuten den Fahrkartenautomaten, drehte sich um und sagte \u201calles richtig, ich habe dir den Preis genannt, genau den zahlst Du und alles ist gut\u201d. Ich h\u00f6rte mir dies geduldig an und fragte ihn, ob er sich wirklich, wirklich mit dem Preis sicher sei \u2026<\/p>\n<p>Er schaute mit mitleidig an, sah aber wohl berechtigte Zweifel in meinen Augen. Also griff er sich einen Bediensteten der Eisenbahngesellschaft, der dort herumlungerte. Man muss dazu sagen, dass in Hon Kawagoe an den Ausg\u00e4ngen der Bahngleise Bedienstete standen, die die Tickets der Reisenden kontrollierten und mit einem Locher endg\u00fcltig entwerteten.<\/p>\n<p>Beide studierten die Anzeigen des Fahrkartenautomaten, palaverten wohl gut 2 Minuten und kamen dann zum einem Ergebnis. Thoma-San drehte sich zu mir um und meinte, ich solle die genannte Taste am Automaten dr\u00fccken, genau den vorher genannten Betrag einwerfen und bek\u00e4me dann Samstag mein Ticket. War nun bereits das dritte Mal, dass er mit den gleichen Preis genannt hatte \u2013 und er hielt mich wohl f\u00fcr leicht senil.<\/p>\n<p>Als er fragte, ob nun alles klar sei, meinte ich nur \u201cich bin zuversichtlich, dass ich das Ticket richtig gezogen bekomme \u2013 nur mit dem Preis stimmt nicht, was ihr mir erz\u00e4hlt\u201d. Er hob die Augen und sah mich zweifelnd an \u2013 der japanische Eisenbahnangestellte betrachtete mich ebenfalls, hatte er doch von den Erl\u00e4uterungen des japanischen Kollegen meine Zweifel mitbekommen.<\/p>\n<p>Ich deutete auf ein Schild, welches am Ausgang auf dem Boden aufgestellt war und bat den Chefingenieur doch bitte zu lesen, was auf diesem Schild st\u00e4nde. Ich h\u00e4tte n\u00e4mlich den Eindruck, dass dort der Hinweis zu finden w\u00e4re, dass die Tickets teurer w\u00fcrden. Er drehte sich zum Angestellten der Eisenbahngesellschaft um und es begann ein mehrere Minuten dauerndes Palaver zwischen den Beiden, die das Schild lasen und diskutierten.<\/p>\n<p>Irgendwann drehte sich Thoma-San zu mir um, und sein Gesicht sprach B\u00e4nde. \u201cBorn-San, Du kannst doch japanisch lesen?&#8220; \u2013 unausgesprochen war \u201cDu Sauprei\u00df, hast mich hier verschei\u00dfert\u201d.\u00a0 Ich hatte also Recht, am kommenden Samstag wurde der Ticketpreis erh\u00f6ht. So musste ich ihm notgedungen erkl\u00e4ren, dass ich zwar kein japanisch lesen, aber durchaus 2+2 addieren k\u00f6nne. Auf dem Schild konnte ich das Datum 1.4.1989 (1989 \u5e74 04\u6708 01\u65e5) lesen. Und irgendwo hatte ich mitbekommen, dass am 1. April 1989 in Japan die Mehrwertsteuer eingef\u00fchrt werden sollte. Da der 1. April in 1989 auf einen Samstag fiel, war mir irgendwie klar, dass mein Ticket um die M\u00e4rchensteuer teurer w\u00fcrde.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Japaner war es aber au\u00dferhalb jeder M\u00f6glichkeit, dass der vom Automaten angezeigte Fahrpreis ge\u00e4ndert w\u00fcrde \u2013 das Schild mit der Ank\u00fcndigung der Fahrpreiserh\u00f6hung wurde von diesen als Randnotiz nicht wahrgenommen. Mit meiner Kombinatorik hatte ich also ins Schwarze getroffen und die Japaner (ungewollt) sauber ausman\u00f6vriert. Aber ein Gutes hatte diese Sache: Ich stieg in der Achtung des Chefingenieurs gleich um zwei Stufen \u2013 er hatte nun n\u00e4mlich erneut gelernt, dass er mir nicht so leicht ein X f\u00fcr ein U vormachen konnte. Und der Umstand, dass ich (ganz entgegen den Gewohnheiten der \u00fcbrigen Werksbesucher) japanisch fr\u00fchst\u00fcckte, a\u00df und wohnte, trug ebenfalls dazu bei, dass ich ein kleines Fitzelchen ernster genommen wurde \u2026<\/p>\n<p>\u2026 das war das erste \u201cAbenteuerchen\u201d in Punkto Bahn fahren. Ich sollte noch einiges zu \u201cwuppen\u201d haben \u2013 denn im Gegensatz zum U-Bahn-Netz in Tokyo, wo die Stationsnamen in Kanji-Zeichen und in Romanji (westliches Alphabet) verzeichnet waren, gab es so etwas in der Provinz nicht. Da galten Kanji-Zeichen und Umschreibungen in Hiragana und Katagana als das einzig Wahre. Aber dazu sp\u00e4ter mehr.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bahn fahren ist in Japan das Verkehrsmittel der Wahl \u2013 Millionen Japaner quetschen sich Morgens und Abends in \u00f6ffentliche Verkehrsmittel, um zur Arbeit zu kommen und dann wieder nach Hause zur\u00fcck zu kehren. Auch ich bin h\u00e4ufig Bahn gefahren. 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