{"id":455,"date":"2015-06-27T20:01:00","date_gmt":"2015-06-27T18:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/borncity.com\/japan\/?p=455"},"modified":"2023-07-06T13:04:02","modified_gmt":"2023-07-06T11:04:02","slug":"arbeitsleben-nach-der-arbeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/borncity.eu\/japan\/2015\/06\/27\/arbeitsleben-nach-der-arbeit\/","title":{"rendered":"Arbeitsleben &ndash; &lsquo;Feiern&rsquo; nach der Arbeit"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" style=\"float: left; margin: 0px 10px 0px 0px; display: inline;\" src=\"https:\/\/borncity.eu\/japan\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/flagge11.jpg\" align=\"left\" \/>Bei meinen Arbeitsaufenthalten lernte ich auch die Seiten abseits der B\u00fcros, die das japanische Arbeitsleben so bereith\u00e4lt, kennen. Nachdem ich als der Gajin bekannt war, der japanisch fr\u00fchst\u00fcckt und im Ryokan wohnt, wurde ich in das Ingenieursteam integriert. Und in Japan ist es Tradition, dass die Mannschaft sich nach der Arbeit in einer Art Stammlokal zum Trinken und gemeinsamen Essen trifft.<!--more--><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ssl-vg03.met.vgwort.de\/na\/7464805cf0b34fc19c047d8fbdba1d6e\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/>Also ging es vereint zum Werkstor hinaus, um drei Ecken, und schon stand man vor einem japanischen Lokal. Es war einerseits ein japanisches Restaurant, aber keine gehobene Variante, sondern ein Lokal, wo man g\u00fcnstiger essen und trinken konnte. Die Mannschaft nahm an einem gr\u00f6\u00dferen Tisch Platz. Anschlie\u00dfend wurde Bier und warmer Sake (Reiswein) serviert. Zu essen gab es meist <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Tempura\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Tempura<\/a>, frittierte japanische Speisen (Fisch, Gem\u00fcse etc.). Schmeckte alles nicht schlecht.<\/p>\n<p>Das \u2018Feiern\u2019 nach Feierabend war f\u00fcr mich teilweise eine Tortur. Einmal der viele Alkohol, speziell der warme Sake knallt auf n\u00fcchternen Magen ganz gut rein. Da ich schnell die japanischen Angewohnheiten lernte, wusste ich, dass der Sake aus speziellen Trinkgef\u00e4\u00dfen aus Porzellan getrunken wurde. Der Sake wurde aus kleinen Karaffen eingeschenkt, es war aber nie ersichtlich, ob ein Gef\u00e4\u00df leer getrunken wurde. Meine Strategie war: Nur etwas nippen und auch m\u00f6glichst wenig vom Bier trinken. Wenn dann nachgef\u00fcllt und mit dem Ruf Kampai (zum Wohl) auf Ex getrunken wurde, bekamen die japanischen Kollegen immer die volle Ladung ab, w\u00e4hrend ich den Alkoholkonsum zu drosseln wusste. Auch wusste ich um die Trinkrituale und schenkte den Kollegen t\u00fcchtig nach, um mit dem Ruf Kampai die n\u00e4chste Trinkrunde zu initiieren.<\/p>\n<p>Die Strategie ging auf. Sobald die Runde in Alkoholdunst versank (ging ganz schnell) und die Aufmerksamkeit der Kollegen nachlie\u00df, wurde schon mal ein halbes Gef\u00e4\u00df Sake im Blumenk\u00fcbel neben meinem Platz (den ich entsprechend w\u00e4hlte) ausgegossen. Irgendwann bekam ich mit, dass der Wirt dem Chefingenieur ganz bek\u00fcmmert mitteilte, dass seine Pflanzen in letzter Zeit etwas k\u00fcmmerten. Gl\u00fccklicherweise ging mein Aufenthalt bald zu Ende, so dass sich die Botanik erholen konnte.<\/p>\n<p>PostScriptum: Nach jedem dieser abendlichen Besuche war mir bei der R\u00fcckkehr in den Ryokan spei\u00fcbel. Also ging der erste Gang zur Toilette, Finger in den Hals, bis der Magen leer war. Aber ich konnte danach gut schlafen und f\u00fchlte mich am n\u00e4chsten Morgen fit. Zun\u00e4chst f\u00fchrte die \u00dcbelkeit auf den Alkohol zur\u00fcck. Aber egal, wie stark ich mich zur\u00fcck hielt, es wurde nicht besser. Heute wei\u00df ich, dass es eine Nahrungsmittelunvertr\u00e4glichkeit gegen bestimmte Fette gewesen sein musste. Denn bei Besuchen anderer Lokale gab es die Probleme nicht (auch nicht bei Tempura). Generell vertrug ich das japanische Essen ausgezeichnet, musste dann aber nach der R\u00fcckkehr nach Deutschland ein paar Tage leichte Kost zu mir nehmen. Andernfalls hielt mein Magen die schwerere deutsche Kost nicht aus und rebellierte regelm\u00e4\u00dfig.<\/p>\n<p>Bei sp\u00e4teren Arbeitsaufenthalten wandte ich meine h\u00f6chsten \u00dcberzeugungsk\u00fcnste auf, um den Chefingenieur und die Mannschaft zu \u00fcberzeugen, dass wir nicht jeden Abend in die Kneipe mussten. Ich schob Projektarbeiten vor, so dass ich oft bis 20:00 Uhr in der Anlage blieb. Aber im Hinterkopf wollte ich die oben beschriebenen Folgen vermeiden. Zudem wusste ich, dass Mitarbeiter abkommandiert wurden, um mit mir aus zu gehen. F\u00fcr die Mitarbeiter hie\u00df es, wenn wir um 21:00 oder 22:00 Uhr das Lokal verlie\u00dfen, noch bis zu 2 Stunden nach Hause zu fahren. Sp\u00e4testens am n\u00e4chsten Morgen um 6:00 Uhr war die Fahrt zur Arbeit angesagt. Das wollte ich niemandem antun, zumal mein Heimweg nur gut eine halbe Stunde dauerte.<\/p>\n<p>Abschlie\u00dfend noch eine Episode aus der Gattung \u2018Konflikt der Kulturen\u2019. In fr\u00fcheren Beitr\u00e4gen hatte ich einen jungen japanischen Kollegen erw\u00e4hnt, der lange in Amerika weilte und dort studiert hatte. Mit seiner Frau war er wieder zur\u00fcck nach Japan gewechselt, aber beide fremdelten inzwischen mit der japanischen Kultur. Der Kollege begann beispielsweise in japanischer Schrift seine Aufzeichnungen, wechselte aber nach einer Zeile in die englische Sprache und Schrift, weil dies schneller ging. Auch dieser Kollege konnte sich den Trinkgelagen nach Feierabend nicht immer entziehen. Als er eines Nachts sehr sp\u00e4t, etwas angetrunken, nach Hause kam, \u00f6ffnet seine Frau nicht die T\u00fcre. Er musste beim Chefingenieur klingeln und um eine Schlafgelegenheit bitten. Das bedeutete nat\u00fcrlich \u2018Gesichtsverlust\u2019 und der Mitarbeiter verlie\u00df (zu meinem Bedauern) nach wenigen Monaten die Firma gegen USA.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bei meinen Arbeitsaufenthalten lernte ich auch die Seiten abseits der B\u00fcros, die das japanische Arbeitsleben so bereith\u00e4lt, kennen. Nachdem ich als der Gajin bekannt war, der japanisch fr\u00fchst\u00fcckt und im Ryokan wohnt, wurde ich in das Ingenieursteam integriert. 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