{"id":463,"date":"2015-06-27T20:04:00","date_gmt":"2015-06-27T18:04:00","guid":{"rendered":"http:\/\/borncity.com\/japan\/?p=463"},"modified":"2017-04-21T11:52:59","modified_gmt":"2017-04-21T09:52:59","slug":"japaner-arbeiten-bis-zum-umfallen-und-schlafen-nie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/borncity.eu\/japan\/2015\/06\/27\/japaner-arbeiten-bis-zum-umfallen-und-schlafen-nie\/","title":{"rendered":"Japaner arbeiten bis zum Umfallen und schlafen nie"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" style=\"float: left; margin: 0px 10px 0px 0px; display: inline\" src=\"https:\/\/borncity.eu\/japan\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/flagge11.jpg\" align=\"left\">Eine der Mythen, die mir begegnete, war die M\u00e4r, dass japanische Firmenmitarbeiter bis zum Umfallen und viel l\u00e4nger als deutsche Arbeitnehmer arbeiten. Ich lernte schnell die wahre Seite des Arbeitslebens in Japan kennen.<!--more--><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ssl-vg03.met.vgwort.de\/na\/b3f3881ca5244021b97e379af5f92988\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\">Es stimmt, die Abwesenheit von der Familie bzw. von der Wohnung ist bei Japanern wesentlich h\u00f6her als bei deutschen Arbeitnehmern. Da kommen schon mal 14 \u2013 18 Stunden Abwesenheit zusammen. <\/p>\n<p>Aber man muss schon genau hinschauen, was Arbeit und was \u2018Nebenschichten\u2019 sind. Da ist einerseits die Fahrt zur Arbeit, die im Gro\u00dfraum Tokyo schon mal 200 km weit sein kann und per Zug bis zu 2 Stunden dauert. Das sind dann pro Tag 4 Stunden, die f\u00fcr die Fahrt zur Arbeit aufgewendet werden. Daher schlafen Japaner auch im Zug, selbst im Stehen wird ged\u00f6st. <\/p>\n<p>Was auch auf das Konto Abwesenheit von der Familie geht, ist das gemeinschaftliche \u2018Feiern\u2019 der Belegschaften nach Feierabend. Ich hatte im Beitrag <a href=\"https:\/\/borncity.eu\/japan\/2015\/06\/27\/arbeitsleben-nach-der-arbeit\/\">Arbeitsleben \u2013 \u2018Feiern\u2019 nach der Arbeit<\/a> dar\u00fcber berichtet. Da kommt es schon vor, dass ein Mitarbeiter nicht vor 24:00 Uhr nach Hause kommt und um 6:00 Uhr wieder zur Arbeit muss. Dies muss man im Hinterkopf haben, wenn man die folgende Episode liest.<\/p>\n<p>Es war bei meinem letzten Arbeitsaufenthalt in Japan, als ich zur Projektinbetriebnahme mit einem Mitarbeiter dort weilte. Man macht sich vorab einen groben Arbeitsplan und kalkuliert, wie viele Tage mit Reserve gebraucht werden. W\u00e4hrend dieser Inbetriebnahmen habe ich immer versucht, z\u00fcgig zu arbeiten, so dass es abends auch l\u00e4nger, bis 20:00 oder 22:00 Uhr ging. Es war mir lieber, ein paar Tage fr\u00fcher fertig zu sein, als den Termin zu rei\u00dfen \u2013 zumal der R\u00fcckflug fest gebucht war. Das hatte den weiteren Vorteil, dass man nicht zu den abendlichen \u2018Feiern\u2019 der Belegschaft musste und auch keine langen Abenden im Hotel zu f\u00fcllen hatte. <\/p>\n<p>Am zweiten Tag fiel mir auf, dass ein paar junge Messtechniker in der Anlage herumlungerten und erst verschwanden, als auch der deutsche Mitarbeiter und ich Feierabend machten. Die Leute erkl\u00e4rten mir am Folgetag, dass der Chefingenieur sie vergattert hatte, so lange zu arbeiten, wie die Deutschen in der Anlage w\u00e4ren. Also habe ich den Chefingenieur angesprochen und darauf gedrungen, die Leute z\u00fcgig in den Feierabend zu schicken. Ich wusste ja, dass diese teilweise \u00fcber Stunden in der Bahn sa\u00dfen, um nach Hause zu kommen. Der japanische Ingenieur machte aus diesen Gr\u00fcnden jedenfalls immer zeitig Feierabend.<\/p>\n<p>Am Abend waren die Leute tats\u00e4chlich verschwunden und ich dachte so bei mir \u2018ob das beim ersten Anlauf wirklich angekommen ist?\u2019. Der deutsche Mitarbeiter und meine Wenigkeit arbeiteten also flei\u00dfig weiter. Irgendwann wollte der Mitarbeiter sich einen Becher Wasser aus dem Aufenthaltsraum holen. Er kam sehr schnell zur\u00fcck und bemerkte, dass er die drei Techniker schlafend im Aufenthaltsraum gefunden habe. Die Leute hatten wohl Order, sich nicht blicken zu lassen, aber die Anlage erst nach uns zu verlassen. <\/p>\n<p>Also habe ich den Chefingenieur am Folgetag ein zweites Mal zur Seite genommen und sehr deutlich kommuniziert, dass ich nach regul\u00e4rem Feierabend der Belegschaft keinen Techniker mehr in der Anlage zu sehe w\u00fcnsche. Wenn die Notwendigkeit f\u00fcr technische Unterst\u00fctzung gebraucht w\u00fcrde, wolle ich diese von ihm am Vortag anfordern. Ich wies ihn zudem an, den Werksschutz und die Werksfeuerwehr dar\u00fcber zu informieren, dass zwei Personen l\u00e4nger in der Anlage arbeiten \u2013 das ist aus Sicherheitsgr\u00fcnden Standard in der Chemieindustrie. Nach dieser eindringlichen Anweisung scheint das Ganze geklappt zu haben. Ich hatte freie Hand und habe keinen Techniker mehr in der Anlage gesehen.<\/p>\n<p>Der Werksschutz bekam sowieso mit, dass wir die Anlage verlie\u00dfen. Wir wurden mit einer tiefen Verbeugung am Werkstor entlassen. Und am Morgen ging, sobald wir durch das Werkstor einliefen, sofort die Meldung an den Chefingenieur, dass wir wieder heil angekommen seien. Andere L\u00e4nder, andere Sitten. War eine neue Lektion: F\u00fcr Japaner war es eine Frage der Ehre, nicht k\u00fcrzer als die Deutschen zu arbeiten \u2013 der Nimbus \u2018arbeiten bis zum Umfallen\u2019 musste erhalten bleiben \u2013 ob das Sinn macht oder nicht.<\/p>\n<p>PostScriptum: Die Anlageninbetriebnahme hat geklappt. Und wird hatten soviel Zeitpolster, dass wir die Wochenenden f\u00fcr Sight Seeing in Nikko, Kamakura und in Tokyo nutzen konnten. Dazu sp\u00e4ter aber mehr.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine der Mythen, die mir begegnete, war die M\u00e4r, dass japanische Firmenmitarbeiter bis zum Umfallen und viel l\u00e4nger als deutsche Arbeitnehmer arbeiten. 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