{"id":48,"date":"2010-02-28T18:04:00","date_gmt":"2010-02-28T18:04:00","guid":{"rendered":"http:\/\/borncity.com\/japan\/?p=48"},"modified":"2017-04-21T08:47:23","modified_gmt":"2017-04-21T06:47:23","slug":"wenn-gaijin-japanisch-frhstckt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/borncity.eu\/japan\/2010\/02\/28\/wenn-gaijin-japanisch-frhstckt\/","title":{"rendered":"Wenn Gaijin japanisch fr&uuml;hst&uuml;ckt&hellip;"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" style=\"float: left; margin: 0px 10px 0px 0px; display: inline;\" title=\"Flagge1\" src=\"https:\/\/borncity.eu\/japan\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/flagge11.jpg\" alt=\"\" width=\"69\" height=\"58\" \/>Nachdem ich einige Stunden wie ein Murmeltier geschlafen hatte und mich auch nicht von der grellen Neonbeleuchtung vor dem Zimmerfenster st\u00f6ren lie\u00df, wachte ich gegen 6:30 Ortszeit gut ausgeruht auf. Gem\u00fctlich machte ich mich fertig, um gegen 7:15 zum Fr\u00fchst\u00fcck in der Offenbach-Stuben &#8222;aufzulaufen&#8220;. Die gr\u00fcne Essensmarke f\u00fcr das Fr\u00fchst\u00fcck f\u00fchrte ich sorgsam, wie einen Schatz, in der Tasche meines Jacketts mit \u2013 denn wie h\u00e4tte ich mir sonst ein Fr\u00fchst\u00fcck organisieren k\u00f6nnen. Mit den englischen Sprachkenntnissen der Angestellten war es nicht sehr weit her, wie ich am vorherigen Abend bereits feststellen konnte.<!--more--><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ssl-vg03.met.vgwort.de\/na\/95fd78a3d52a4b16bb3ebc5bbb8f1252\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/>Also begab ich mich, gut gelaunt und nichts vom n\u00e4chsten Abenteuer ahnend, in die Offenbachstuben. Mit einem fr\u00f6hlich geschmetterten &#8222;Konnichi wa&#8220;, dem japanischen &#8222;guten Morgen\/guten Tag&#8220;, betrat ich den Schankraum (der jetzt als Fr\u00fchst\u00fccksraum diente). Oha, war da was?<\/p>\n<p>Aber hallo, gut ein dutzend K\u00f6pfe drehten sich ruckartig zur T\u00fcr und versuchten einen\u00a0 Blick auf den &#8222;Schreihals&#8220; zu werfen, um dann besch\u00e4mt festzustellen, dass man als Japaner niemanden anstarrt. Also gingen ein Dutzend K\u00f6pfe ruckartig zur\u00fcck in &#8222;Ausgangsstellung&#8220; und versuchten betont angestrengt sich der Einnahme des Fr\u00fchst\u00fccks zu widmen.<\/p>\n<p>Die Reaktion der jungen Angestellten hinter dem Tresen auf den eintretenden Fremden (Gaijin) war noch verst\u00f6render. Mit schreckgeweiteten Augen schlug sie die Hand vor den Mund, um sich dann mit tiefen Verbeugungen etwas murmelnd an mir vorbei zu schl\u00e4ngeln und in einer T\u00fcr, die ich als K\u00fccheneingang identifizierte, zu verschwinden.<\/p>\n<p>Diese &#8222;Begr\u00fc\u00dfung&#8220; hatte ich nun gar nicht erwartet und \u00fcberpr\u00fcfte m\u00f6glichst unauff\u00e4llig, ob vielleicht mein Hosenschlitz offen st\u00e4nde, die Hose geplatzt oder sonst etwas ungew\u00f6hnliches zu sehen sei. Nachdem ich nichts offensichtliches feststellen konnte, ma\u00df ich den Raum mit einem Blick und stellte fest, dass noch einige Tische unbesetzt waren. Ich entschied mich unbewusst f\u00fcr einen Tisch genau gegen\u00fcber der Eingangst\u00fcr, auch weil dort eine breite Holzbank an der Wand stand. Nachdem ich Platz genommen hatte, konnte ich den Raum, den Eingangsbereich und auch den Eingang zur K\u00fcche \u00fcberblicken, w\u00e4hrend ich die Wand in meinem R\u00fccken w\u00e4hnte.<\/p>\n<p>So langsam sickerte die Skurrilit\u00e4t der Situation in mein Hirn. Ich, in einen Anzug gewandet, mit dem R\u00fccken zur Wand, die Unterarme auf der Tischplatte ruhend, an einem groben Holztisch sitzend und auf mein Fr\u00fchst\u00fcck wartend. Rund um mich sa\u00dfen ca. 10 japanische Gesch\u00e4ftsleute an kleinen Bistrotischen und waren mit Messer und Gabel angestrengt zugange, ein Fr\u00fchst\u00fcck einzunehmen. W\u00e4hrend ich,\u00a0 breit grinsend wie Budda, in die Runde blickte, konnte ich beobachten, wie die Anwesenden immer wieder einen schnellen Blick aus den Augenwinkeln auf mich zu erhaschen suchten. Stellten sie fest, dass ich sie beobachtete, ruckte der Kopf noch ein St\u00fcck tiefer in Richtung Teller, um sich noch intensiver mit Messer und Gabel einem glibberigen Spiegelei auf einem noch schlabberigen St\u00fcck Toast zu widmen. Aus heutiger Sicht erinnert mich das Ganze an K\u00fcchenszenen mit dem Komiker Gerd Dudenh\u00f6ffer in der Serie &#8222;Familie Heinz Becker&#8220;, in denen er angestrengt etwas auf einem leeren Teller schneidet und demonstrativ in die Familienrunde &#8222;schweigt&#8220;.<\/p>\n<p>Aus der nahen K\u00fcche war die ganze Zeit ein leises Murmeln zu vernehmen. Ich\u00a0 stellte mich schon darauf ein, ohne Fr\u00fchst\u00fcck zur Arbeit zu m\u00fcssen, als ein japanischer Gesch\u00e4ftsmann als neuer Gast in den Fr\u00fchst\u00fcckraum kam. Er murmelte etwas in Richtung K\u00fcche, worauf aus der K\u00fcchent\u00fcr ein Arm auftauchte und er dann einen blauen Bon in die ausgestreckte Hand hineinlegte. Anschlie\u00dfend setzte er sich an einen der freien Bistro-Fr\u00fchst\u00fccktische.<\/p>\n<p>Kurz Zeit sp\u00e4ter tauchte die junge Angestellte mit einem Teller auf, den sie mit einer Verbeugung vor dem neuen Gast abstellte und gleichzeitig eine Serviette sowie Messer und Gabel dazu legte. Der Teller enthielt das obligatorische Spiegelei auf Toast, was ich just in diesem Augenblick als &#8222;western style breakfast&#8220; identifizierte. &#8222;Schwein gehabt&#8220;, dachte ich mir, denn schlimmer konnte es mit dem japanischen Fr\u00fchst\u00fcck ja nicht mehr kommen.<\/p>\n<p>Nachdem ich nun schon gut 5 Minuten am Tisch ausharrte, \u00fcberwand sich die junge Angestellte und kam mit vielen Verbeugungen in meine Richtung. Als sie verzagt, mit weiteren Verbeugungen und etwas murmelnd an meinem Tisch stand, sah ich meine Chance gekommen. Freudestrahlend streckte ich ihr die Hand mit dem gr\u00fcnen Bon entgegen. Die schreckgeweiteten Augen, mit denen Sie mich und vor allem den gr\u00fcnen Bon anblickte, vergesse ich mein Leben nicht. Als ich ihr nochmals den Bon mit Nachdruck entgegenstreckte, nahm Sie diesen schlie\u00dflich an und entfernte sich, r\u00fcckw\u00e4rts gehend und st\u00e4ndig verbeugend, in Richtung K\u00fcche. Was hinter ihrer Stirn f\u00fcr Gedanken abliefen, konnte ich auch ohne japanische Sprachkenntnisse erahnen. &#8222;Oh Gott, da hat der Kollege an der Rezeption gestern einen Fehler gemacht und den falschen Bon ausgeteilt&#8220;. Es war n\u00e4mlich so, dass alle japanischen G\u00e4ste ein &#8222;western style breakfast&#8220;, also die westliche Fr\u00fchst\u00fccksvariante, gew\u00e4hlt hatten, einen blauen Bon vorlegten. Nur der Fremde (Gaijin) tauchte mit einem gr\u00fcnen Bon auf.<\/p>\n<p>Das Murmeln in der K\u00fcche schwoll an, als die Angestellte durch die betreffende T\u00fcr verschwand. Pl\u00f6tzlich tauchten zwei K\u00f6pfe am T\u00fcrrahmen der K\u00fcchent\u00fcr auf. Die junge Angestellte und der Koch warfen einen Blick in den &#8222;Fr\u00fchst\u00fccksraum&#8220;, um den Gaijin in Augenschein zu nehmen. Als sie meinen Blick bemerkten, verschwanden die K\u00f6pfe ruckartig und Gemurmel ging noch etwas weiter.<\/p>\n<p>Endlich erschien die junge Angestellte und trug eine Art Holzblock sowie einen Becher auf einem Tablett vor sich her. Mit vielen Verbeugungen stellte sie den Holzblock vor mir auf den Tisch, legte eine l\u00e4ngliche Papiert\u00fcte darauf und positionierte den Becher daneben. Dann entfernte sie sich mit vielen Verbeugungen im R\u00fcckw\u00e4rtsgang in Richtung K\u00fcche.<\/p>\n<p>Den Inhalt des Bechers konnte ich unschwer als gr\u00fcnen Tee identifizieren. Auch die Papiert\u00fcte kannte ich bereits aus dem Flugzeug, enthielt sie doch ein Einweg-Holzst\u00e4bchen. &#8222;Klasse&#8220;, dachte ich noch, die haben es kapiert und das Fr\u00fchst\u00fcck wird nun bald anrollen. Ich empfand es zwar als ausgesprochen unkomfortabel, etwas essbares auf einem gut 10 cm hohen Holzblock serviert zu bekommen. Aber &#8222;andere L\u00e4nder, andere Sitten&#8220; sagte ich mir, &#8222;nimm es halt, wie es kommt&#8220;. Dummerweise konnte ich bei meinen Nachbarn nicht kiebitzen, wie ein japanisches Fr\u00fchst\u00fcck eingenommen wird. Alles um mich herum war ja mit dem Spiegelei auf Toast besch\u00e4ftigt \u2013 und ich war wohl der Einzige mit &#8222;japanese style breakfast&#8220;. &#8222;Also gut, harren wir einfach der Dinge, die da kommen m\u00f6gen. Kommt Zeit kommt Rat&#8220;, dachte ich so bei mir. Ich w\u00fcrde das Ding schon zu schaukeln wissen.<\/p>\n<p>Ich sa\u00df wartend vor dem Holzblock am Tisch, hoffte auf ein leckeres Fr\u00fchst\u00fcck und schaute deshalb breit l\u00e4chelnd in die Runde. Immer wieder bemerkend, dass die an ihren Tischen fr\u00fchst\u00fcckenden Japaner verstohlen einen Blick aus den Augenwinkeln auf mich warfen. Aus der K\u00fcchent\u00fcr lugten abwechseln die K\u00f6pfe der jungen Angestellten und des Kochs um die Ecke, deren Mienen von Mal zu Mal besorgter schienen.<\/p>\n<p>H\u00e4tte jemand eine Kamera im Fr\u00fchst\u00fccksraum aufgestellt, w\u00e4re ein herrlicher Slapstick herausgekommen. Der Fremde, am Tisch sitzend und abwartend, von der Runde beobachtet. Jetzt wei\u00df ich, wie sich die Affen im Zoo f\u00fchlen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Nachdem sich auch nach mehreren Minuten nichts mehr tat, d\u00e4mmerte mir, dass da etwas gewaltig schief lief. Also begann ich den &#8222;Holzblock&#8220; genauer in Augenschein zu nehmen und bemerkte pl\u00f6tzlich einen feinen Spalt. Es musste also eher ein K\u00e4stchen, denn ein Holzblock sein. Ich nahm die T\u00fcte mit dem Essst\u00e4bchen weg und befingerte den Block. In der Tat, es handelte sich um ein K\u00e4stchen, welche zwar wie ein St\u00fcck Holz aussah, dessen Deckel sich aber nach hinten aufklappen lie\u00df. Im Inneren befanden sich mit schwarzem Lack gestaltete F\u00e4cher, die diverse japanische Speisen wie einige St\u00fccke Sushi, Reis, das obligatorische St\u00fcck rohen Fisch und die gesalzene Pflaume enthielten. Auf dem schwarz lackierten Innenteil des Deckels war ein japanisches Stilleben aufgemalt.<\/p>\n<p>Aha, mein japanisches Fr\u00fchst\u00fcck! Und dann noch serviert als &#8222;Edelvariante&#8220; eines japanischen Bento. Jetzt hatte ich es geschnackelt, und ich gewann wieder Oberhand. &#8222;Euch werde ich es zeigen!&#8220; Mit professionellem Griff entnahm ich das Holzst\u00e4bchen aus der T\u00fcte, riss es auseinander und rieb die Bruchfl\u00e4chen gegeneinander, um eventuelle Holzsplitter an den Bruchstellen zu entfernen. Dann nahm ich die zwei St\u00e4bchen in die rechte Hand. Das untere St\u00e4bchen zwischen Ring- und Mittelfinger eingeklemmt und mit einem Ende in der Beuge zwischen Daumen und Zeigefinger ruhend. Das zweite St\u00e4bchen konnte dann zwischen <a href=\"http:\/\/www.kirchenweb.at\/kochrezepte\/japanische\/essstaebchen\/essen_mit_esstaebchen.htm\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Daumen und Zeigefinder eingeklemmt<\/a> und damit bewegt werden. Mit den Spitzen lie\u00df sich dann (wie mit einer Pinzette) etwas <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Essst\u00e4bchen\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">einklemmen<\/a> und zum Mund f\u00fchren. Nach dem Vortraining im Flugzeug, wo mein Sitznachbar mir die Benutzung der Essst\u00e4bchen kurz gezeigt hatte, war das also keine Problem mehr f\u00fcr mich.<\/p>\n<p>Ich widmete mich also dem Fr\u00fchst\u00fcck und bemerkte schon nach kurzer Zeit, dass das Interesse an den umliegenden Tischen rapide abnahm. Der Gaijn konnte offenbar mit St\u00e4bchen umgehen, und was ist schon besonderes an einem Menschen, der fr\u00fchst\u00fcckt? Auch die Mienen der K\u00f6pfe, die abwechselnd aus der K\u00fcche lugten, sahen pl\u00f6tzlich wesentlich entspannter aus, und die junge Angestellte konnte sich sogar zu einem anerkennenden L\u00e4cheln durchringen.<\/p>\n<p>Durch mein langes Warten hatten die japanischen G\u00e4ste das Fr\u00fchst\u00fcck weitgehend beendet, w\u00e4hrend ich noch mit den Essst\u00e4bchen und meinem Fr\u00fchst\u00fcck besch\u00e4ftigt war. Rund um mich herum wurde von den Tischnachbarn der gr\u00fcne Tee mit lautem Schl\u00fcrfen getrunken. V\u00f6llig konsterniert musste ich feststellen, dass so mancher der G\u00e4ste das Fr\u00fchst\u00fcck mit einem lauten R\u00fclpser beendete. So langsam leerte sich der Fr\u00fchst\u00fccksraum und ich war auch endlich fertig.<\/p>\n<p>Geschafft! Gar nicht mal so \u00fcbel gelaufen, wenn nicht das Personal so bl\u00f6de reagiert und mir das K\u00e4stle mit dem Fr\u00fchst\u00fcck ge\u00f6ffnet h\u00e4tte. Na, das konnte ja noch heiter werden. Ich verlie\u00df mit einem gemurmelten &#8222;Sayonara&#8220; den Raum, um mein Zimmer zum Z\u00e4hneputzen aufzusuchen und mich danach mit meinem Aktenkoffer an der Rezeption einzufinden.<\/p>\n<p>Und schon tauchte mein japanischer Kollege auf, erkundigte sich, ob alles in Ordnung sei und wir aufbrechen k\u00f6nnten. Die in einem Nebensatz ge\u00e4u\u00dferte Frage, ob ich japanisch gefr\u00fchst\u00fcckt h\u00e4tte, beantwortete ich mit Ja, ohne mir weitere Gedanken zu machen. Das gemurmelte Yoku dekimashita (gut gemacht) verstand ich nicht. Sp\u00e4ter lernte ich, dass ich offenbar gerade einen &#8222;Test&#8220; bestanden hatte \u2026<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nachdem ich einige Stunden wie ein Murmeltier geschlafen hatte und mich auch nicht von der grellen Neonbeleuchtung vor dem Zimmerfenster st\u00f6ren lie\u00df, wachte ich gegen 6:30 Ortszeit gut ausgeruht auf. 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