{"id":13563,"date":"2020-09-28T16:55:08","date_gmt":"2020-09-28T14:55:08","guid":{"rendered":"https:\/\/borncity.com\/senioren\/?p=13563"},"modified":"2022-12-03T17:30:09","modified_gmt":"2022-12-03T16:30:09","slug":"funde-der-varusschlacht-der-schienenpanzer-die-halsgeige-und-der-tote-legionr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/borncity.eu\/senioren\/2020\/09\/28\/funde-der-varusschlacht-der-schienenpanzer-die-halsgeige-und-der-tote-legionr\/","title":{"rendered":"Funde der Varusschlacht: Der Schienenpanzer, die Halsgeige und der tote Legion&auml;r"},"content":{"rendered":"<p>Ein Fund aus Grabungen im Jahr 2018 erm\u00f6glicht neue Einblicke in das Schicksal eines r\u00f6mischen Legion\u00e4rs, der m\u00f6glicherweise an der Varusschlacht teilnahm. Sein Schienenpanzer und eine sogenannte Halsgeige wurde gefunden &#8211; was Spekulationen n\u00e4hrt, dass der gefangene Legion\u00e4r nach der Schlacht gefoltert und get\u00f6tet wurde. <\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Varusschlacht\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Varusschlacht<\/a> fand im Jahr 9 nach Christus (wohl in der zweiten Jahresh\u00e4lfte) statt. Dabei erlitten drei r\u00f6mische Legionen samt Hilfstruppen und Tross unter Publius Quinctilius Varus in Germanien eine vernichtende Niederlage gegen ein germanisches Heer unter F\u00fchrung des Arminius (\u201eHermann\"), eines F\u00fcrsten der Cherusker. Der Ort der Varusschlacht wurde nie genau ermittelt &#8211; es gibt das Hermanns-Denkmal im Teutoburger-Wald und ein Museum in Kalkriese reklamiert den Ort der Schlacht. Das ist aber nicht ganz unumstritten; so viel zur Einordnung des nachfolgenden Funds. Fakt sind die Fundst\u00fccke, ob der Legion\u00e4r an der Varusschlacht teilnahm, ist nicht bewiesen. <\/p>\n<h2>Fund eines Schienenpanzers und einer Halsgeige<\/h2>\n<p>Letzten Freitag wurde von Wissenschaftlern der Fund eines Schienenpanzers (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Lorica_Segmentata\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Lorica Segmentata<\/a>) aus r\u00f6mischen Heeresbest\u00e4nden und einer sogenannten Halsgeige bekannt gegeben. Die Arch\u00e4ologen bezeichnen dies als einen herausragenden Fund, den sie der Varusschlacht zuordnen. Der gefundene r\u00f6mische Schienenpanzer stammt aus augustinischer Zeit und ist eine aus mehreren Metallplatten zusammengesetzte R\u00fcstung. Diese sch\u00fctzte \u00fcber Jahrhunderte die Oberk\u00f6rper r\u00f6mischer Legion\u00e4re.<\/p>\n<p>\u201eEr ist bislang der \u00e4lteste und der einzig erhaltene r\u00f6mische Schienenpanzer. Dieser Fund liefert uns g\u00e4nzlich neue Einblicke in die r\u00f6mische R\u00fcstungstechnik.\", sagt Professor Salvatore Ortisi (Ludwig-Maximilians-Universit\u00e4t M\u00fcnchen), seit seinem Weggang von der Universit\u00e4t Osnabr\u00fcck kommissarischer Leiter der Wissenschaftsabteilung am <a href=\"https:\/\/web.archive.org\/web\/20211208113827\/https:\/\/www.kalkriese-varusschlacht.de\/forschung\/fund-schienenpanzer\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Museum und Park Kalkriese<\/a>. <\/p>\n<p>Zur Einordnung: Obwohl der Schienenpanzer zur festen Ausstattung der r\u00f6mischen Armee geh\u00f6rte und in r\u00f6mischer Zeit vielfach abgebildet wurde, gibt es kaum Funde, die Arch\u00e4ologen \u00fcber das reale Erscheinungsbild und die technischen Details dieser Schutzr\u00fcstung in Kenntnis setzen. Bislang musste man immer ins englische Corbridge schauen, wo sechs H\u00e4lften von Schienenpanzern gefunden wurden. Diese stammen jedoch aus dem 2. Jahrhundert nach Christus und sind damit \u00fcber 100 Jahre j\u00fcnger als der neue Fund aus Kalkriese.<\/p>\n<h2>Geschichte der Entdeckung<\/h2>\n<p>Entdeckt wurde der Schienenpanzer bei arch\u00e4ologischen Ausgrabungen in Kooperation mit der Universit\u00e4t Osnabr\u00fcck im Jahr 2018. Dass es sich um einen weitgehend vollst\u00e4ndig erhaltenen Schienenpanzer handelt, war zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar. Das Wissenschaftlerteam erahnte lediglich ein sehr gro\u00dfes Metallobjekt im Boden. Um den Fund fachgerecht freilegen zu k\u00f6nnen, entschied man sich f\u00fcr die Bergung im Block. Ein in der Arch\u00e4ologie g\u00e4ngiges Vorgehen, um den Fund im Anschluss unter Laborbedingungen in der Restaurierung auszugraben.  <\/p>\n<p>Vor der Freilegung des Blocks, der mit einer Gr\u00f6\u00dfe von 1,25 Meter mal 1 Meter rund 500 Kilogramm auf die Waage gebracht hat, sollte jedoch Licht ins Dunkel gebracht werden. Die erste Reise f\u00fchrte den Block in die gro\u00dfe R\u00f6ntgenanlage des Zollamtes des Flughafens M\u00fcnster\/Osnabr\u00fcck. Doch das umgebende Erdreich schirmte den metallischen Inhalt so gut ab, dass lediglich klar war, dass es sich hier wirklich um ein sehr gro\u00dfes und metallisches Objekt handeln muss. Die Reise ging weiter: ins Fraunhofer-Entwicklungszentrum R\u00f6ntgentechnik EZRT des Fraunhofer-Instituts f\u00fcr Integrierte Schaltungen IIS in F\u00fcrth. Hier steht das weltweit gr\u00f6\u00dfte \u00f6ffentlich zug\u00e4ngliche Computertomographie-System. <\/p>\n<p>Die sogenannte XXL-CT erschlie\u00dft die einzigartige M\u00f6glichkeit, gro\u00dfvolumige Objekte vollumf\u00e4nglich dreidimensional zu erfassen. Durch den Einsatz hoher R\u00f6ntgenenergien von bis zu neun Megaelektronenvolt wird eine gute Durchdringung des Blocks erzielt, sodass eine besonders dichtetreue Abbildung von unterschiedlichsten Materialien m\u00f6glich wird. Die r\u00e4umliche Aufl\u00f6sung liegt dabei im Bereich unterhalb eines Millimeters. Gescannt wurde der Block mit insgesamt 1500 Bildern w\u00e4hrend einer \u00fcber mehrere Tage dauernden 360-Grad-Drehung. <\/p>\n<p> \u201eMit unseren CT-Anlagen ergeben sich ganz neue M\u00f6glichkeiten. Wir k\u00f6nnen Unsichtbares sichtbar machen. Das ist ein wichtiger Schritt zur virtuellen Erfassung historisch bedeutsamer Objekte in Sammlungen und Museen\", berichtet Katrin Zerbe, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fraunhofer-Entwicklungszentrum R\u00f6ntgentechnik EZRT in F\u00fcrth des Fraunhofer-Instituts f\u00fcr Integrierte Schaltungen IIS. \u201eMein pers\u00f6nliches Highlight in diesem Projekt ist, Teil eines interdisziplin\u00e4ren Teams zu sein. Als Physikerin zusammen mit Bodenkundlern und Arch\u00e4ologen auf Spurensuche zu gehen, war eine tolle M\u00f6glichkeit ein ganz neues Themengebiet kennenzulernen\", so Zerbe weiter. Mit einer E-Mail aus F\u00fcrth kam dann endlich Licht ins Dunkel: Es handelt sich tats\u00e4chlich um einen r\u00f6mischen Schienenpanzer. <\/p>\n<p>Der Schienenpanzer wird zurzeit in einem aufw\u00e4ndigen Restaurierungsprozess nach und nach, Platte f\u00fcr Platte freigelegt, so <a href=\"https:\/\/web.archive.org\/web\/20201025054459\/https:\/\/www.landkreis-osnabrueck.de\/presse\/pressestelle\/pressemeldungen\/53109-roemischer-schienenpanzer-kalkriese-entdeckt\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">die Pressemitteilung<\/a> des Landkreises Osnabr\u00fcck, in der sich auch einige Fotos finden. Durch die obenliegende Erde sind die einzelnen Bestandteile der R\u00fcstung zusammengedr\u00fcckt \u2013 wie bei einer Ziehharmonika sind die Platten \u00fcber die Zeit ineinandergeschoben worden. Die Platten im Schulter- und Brustbereich sind entnommen und zum Teil schon restauriert. Die Bauchplatten sind noch im Block und werden in den kommenden Monaten freigelegt. \u201eTrotz der schlechten Erhaltungsbedingungen durch den sauren und sandigen Boden in Kalkriese ist der Schienenpanzer in seiner Komplexit\u00e4t relativ gut erhalten. Scharniere, Schnallen und die Bronzebeschl\u00e4ge sind gut erkennbar. Und wir haben sogar organische Bestandteile, wie Reste von Leder\", so Rebekka Kuiter, Restauratorin im Museum und Park Kalkriese. Nach derzeitigem Erkenntnisstand besteht der Kalkrieser Schienenpanzer aus 30 einzelnen Platten; es fehlen lediglich vier bis f\u00fcnf Platten. Das wissenschaftliche Projekt zur Erforschung des Schienenpanzers wird erm\u00f6glicht durch eine F\u00f6rderung der Stiftung Niedersachsen.<\/p>\n<h2>Fundort offenbar Schicksal eines r\u00f6mischen Legion\u00e4rs<\/h2>\n<p>Bemerkenswert ist auch der Fundkontext des Schienenpanzers. Im Hals-\/Schulterbereich lag eine so genannte Halsgeige. Das ist ein typisches Fesselungsinstrument, das die H\u00e4nde am Hals fixiert und die Handlungsf\u00e4higkeit des so Gefesselten wirkungsvoll einschr\u00e4nkt. Halsgeigen wurden in der r\u00f6mischen Armee mitgef\u00fchrt, um vor allem Kriegsgefangene, deren Schicksal die Sklaverei war, zu fesseln. Ein Foto der Fragmente der Halsgeige findet sich in <a href=\"https:\/\/web.archive.org\/web\/20211208113827\/https:\/\/www.kalkriese-varusschlacht.de\/forschung\/fund-schienenpanzer\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">diesem Artikel<\/a> zum Thema<\/p>\n<p>Die gesamte Fundsituation legt nahe, dass hier ein r\u00f6mischer Legion\u00e4r als \u00dcberlebender des Gefechts von den germanischen Siegern mit dem r\u00f6mischen Unterwerfungssymbol gefesselt wurde. \u201eDer Schienenpanzer ist damit nicht blo\u00df ein einzigartiges arch\u00e4ologisches Fundst\u00fcck, sondern ebenfalls Teil einer tragischen Szene, die sich hier abbildet. Wir sehen neben all den bisherigen r\u00f6mischen Funden vom Schlachtfeld erstmals ein individuelles Schicksal auf dem Fundplatz Kalkriese, das die schreckliche Seite des Krieges zeigt\", erkl\u00e4rt Stefan Burmeister, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer des Museums Kalkriese.<\/p>\n<p>Spiegel Online spekuliert in <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/geschichte\/germanen-menschenopfer-nach-der-varusschlacht-a-b346a61a-c457-4274-8341-e642a8dca2fb\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">diesem Artikel<\/a> (bezahlpflichtig), dass der gefangene r\u00f6misch Legion\u00e4r nach Ende der Varusschlacht gefoltert und dann get\u00f6tet worden sein k\u00f6nnte. Fotos der Fragemente des Schienenpanzers finden sich in dieser <a href=\"https:\/\/web.archive.org\/web\/20201025054459\/https:\/\/www.landkreis-osnabrueck.de\/presse\/pressestelle\/pressemeldungen\/53109-roemischer-schienenpanzer-kalkriese-entdeckt\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Pressemitteilung<\/a>, in <a href=\"https:\/\/web.archive.org\/web\/20211208113827\/https:\/\/www.kalkriese-varusschlacht.de\/forschung\/fund-schienenpanzer\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">diesem Artikel<\/a>, sowie in diesem <a href=\"https:\/\/www.ndr.de\/nachrichten\/niedersachsen\/Roemischer-Schienenpanzer-in-Kalkriese-entdeckt,kalkriese446.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">NDR-Beitrag<\/a>. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Fund aus Grabungen im Jahr 2018 erm\u00f6glicht neue Einblicke in das Schicksal eines r\u00f6mischen Legion\u00e4rs, der m\u00f6glicherweise an der Varusschlacht teilnahm. Sein Schienenpanzer und eine sogenannte Halsgeige wurde gefunden &#8211; was Spekulationen n\u00e4hrt, dass der gefangene Legion\u00e4r nach der &hellip; <a href=\"https:\/\/borncity.eu\/senioren\/2020\/09\/28\/funde-der-varusschlacht-der-schienenpanzer-die-halsgeige-und-der-tote-legionr\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[690],"tags":[173],"class_list":["post-13563","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissenschaft","tag-archaeologie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/borncity.eu\/senioren\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13563","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/borncity.eu\/senioren\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/borncity.eu\/senioren\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/borncity.eu\/senioren\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/borncity.eu\/senioren\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13563"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/borncity.eu\/senioren\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13563\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":20795,"href":"https:\/\/borncity.eu\/senioren\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13563\/revisions\/20795"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/borncity.eu\/senioren\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13563"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/borncity.eu\/senioren\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13563"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/borncity.eu\/senioren\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13563"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}