{"id":15776,"date":"2021-02-05T00:29:00","date_gmt":"2021-02-04T23:29:00","guid":{"rendered":"https:\/\/borncity.com\/senioren\/?p=15776"},"modified":"2024-12-07T19:07:01","modified_gmt":"2024-12-07T18:07:01","slug":"erklrung-fr-tragdie-am-djatlow-pass-im-jahr-1959","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/borncity.eu\/senioren\/2021\/02\/05\/erklrung-fr-tragdie-am-djatlow-pass-im-jahr-1959\/","title":{"rendered":"Erkl&auml;rung f&uuml;r Trag&ouml;die am Djatlow-Pass im Jahr 1959"},"content":{"rendered":"<p>In der Nacht vom 1. auf den 2. Februar 1959 starben neun Skiwanderer auf bisher ungekl\u00e4rte und mysteri\u00f6se Weise am \u00f6stlichen Hang des Berges Cholat Sjachl (mansisch f\u00fcr Berg des Todes; 1097 m) im n\u00f6rdlichen Ural (Sowjetunion). Die Stelle wird seit dieser Zeit nach einem der Toten als Djatlow-Pass bezeichnet. Ein Lawinenforscher glaubt eine Erkl\u00e4rung f\u00fcr die Trag\u00f6die am Djatlow-Pass, liefern zu k\u00f6nnen, die sich im Jahr 1959 ereignet hat. Vermutlich wurde eine Gruppe Skiwanderer von einer Lawine in ihren Zelten \u00fcberrascht, was dann zur Katastrophe f\u00fchrt. <\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<h2>Die Trag\u00f6die am Djatlow-Pass im Jahr 1959<\/h2>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"\" src=\"https:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/3112f221f02d40c2b3c28a187e0117bd\" width=\"1\" height=\"1\">Ende Januar 1959 brach eine aus acht M\u00e4nnern und zwei Frauen bestehende Skiwandergruppe zu einer Tour in den Ural (Sowjetunion) auf. Skitour wurde vom Sportverein des Polytechnischen Instituts (UPI) des Urals veranstaltet und sollte 16 Tage dauern. Geplant war, dass von den Teilnehmern mindestens 350 km auf Skiern auf der geplanten Route durch das Gebirge des n\u00f6rdlichen Urals zur\u00fcckgelegt werden sollte. Dabei sollten die Berge Otorten (russ. \u041e\u0442\u043e\u0440\u0442\u0435\u043d, H\u00f6he: 1235 m, etwa 13,6 km Luftlinie vom Ungl\u00fccksort entfernt) und Ojko-Tschakur bew\u00e4ltigt werden. Alle Teilnehmer galten als erfahrene Wanderer und kannten sich, mit Ausnahme von Semjon Solotarew, bereits seit mehreren Jahren.<\/p>\n<p>Als die Gruppe sich nicht zum verabredeten Zeitpunkt zur\u00fcckmeldete, wurde am 20. Februar 1959 beschlossen eine Suchaktion einzuleiten. Am 26. Februar fanden die Suchtrupps das verlassene Lager am Cholat Sjachl. Das Zelt war intakt, aber leicht eingeschneit und wies Einschnitte auf. Einige Teilnehmer der Expedition wurden dann in der Umgebung des Lagers erfroren aufgefunden. Weitere Tote, die erst sp\u00e4ter gefunden wurden, wiesen schwerste Verletzungen auf. Laut Gerichtsmediziner seien die Verletzungen nicht durch Menschenhand erzeugt worden, \u201eweil die Kraft der St\u00f6\u00dfe zu stark war und keine Weichteile verletzt wurden\". Die Kraft, die daf\u00fcr n\u00f6tig war, verglich ein Experte mit der eines Autounfalls. Zwei Mitgliedern fehlten die Aug\u00e4pfel. Ludmilla Dubinina fehlten Teile ihres Gesichtssch\u00e4dels sowie Zunge (vom Zungengrund an) und Lippen, da sie unter der Eisdecke mit dem Gesicht in einem Fluss lag. Weitere Details hatte ich im Blog-Beitrag <a href=\"https:\/\/borncity.eu\/senioren\/2019\/02\/07\/vor-60-jahren-die-tragdie-am-djatlow-pass\/\">Vor 60 Jahren: Die Trag\u00f6die am Djatlow-Pass<\/a> zusammen getragen.<\/p>\n<h2>War es eine Schneelawine?<\/h2>\n<p>Im Rahmen einer neuen Studie fanden Forscher der EPFL und der ETH Z\u00fcrich eine <a href=\"https:\/\/web.archive.org\/web\/20231229114412\/https:\/\/ethz.ch\/de\/news-und-veranstaltungen\/eth-news\/news\/2021\/01\/ein-neuer-blick-auf-ein-altes-raetsel.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung<\/a> f\u00fcr das sogenannte Ungl\u00fcck am Djatlow-\u200bPass, bei dem 1959 im Uralgebirge neun Ski-\u200bWanderer unter mysteri\u00f6sen Umst\u00e4nden ums Leben kamen. Als EPFL-\u200bProfessor Johan Gaume Anfang Oktober 2019 einen Anruf einer Journalistin der New York Times erhielt, ahnte nicht, dass er bald tief in eines der gr\u00f6ssten R\u00e4tsel in der Geschichte der Sowjetunion eintauchen w\u00fcrde. Die Journalistin der New York Times bat ihn um seine fachliche Meinung zu der Trag\u00f6die am Djatlow-Pass im Jahr 1959. Gaume ist Leiter des Labors f\u00fcr Schnee-\u200b und Lawinensimulation (Snow and Avalanche Simulation Laboratory, SLAB) der EPFL und Gastwissenschafter am WSL-\u200bInstitut f\u00fcr Schnee-\u200b und Lawinenforschung SLF.  <\/p>\n<p>Gaume sagte dazu: \u00abIch bat die Journalistin, mich am n\u00e4chsten Tag nochmals anzurufen, damit ich mich informieren konnte. Was ich dabei erfuhr, fand ich \u00e4usserst spannend. Gleich nach dem Anruf der New York Times kritzelte ich eine Reihe Gleichungen und Zahlen an die Tafel, um aus rein mechanischer Sicht den m\u00f6glichen Ablauf der Ereignisse zu skizzieren. Bei unserem n\u00e4chsten Telefonat sagte ich der Journalistin, dass wahrscheinlich eine Lawine die Schlafenden im Zelt \u00fcberrascht hat.\u00bb  <\/p>\n<p>Diese von allen am plausibelsten erscheinende Theorie vertritt auch die russische Generalstaatsanwaltschaft, die auf Bitte der Hinterbliebenen im Jahr 2019 die Ermittlungen wieder aufgenommen hatte. Angesichts der d\u00fcrftigen Beweislage sowie einiger seltsamer Gegebenheiten bleiben viele Russen allerdings skeptisch. \u00abDie Geschichte interessierte mich ungemein. Ich besch\u00e4ftigte mich eingehender mit dieser Theorie und kontaktierte schliesslich Alexander Puzrin, Professor und stellvertretender Leiter des Instituts f\u00fcr Geotechnik der ETH Z\u00fcrich, den ich einen Monat zuvor bei einer Konferenz in Frankreich kennengelernt hatte.\u00bb  <\/p>\n<p>Gemeinsam durchk\u00e4mmten der geb\u00fcrtige Franzose Gaume und der russischst\u00e4mmige Puzrin die Archive, die der \u00d6ffentlichkeit nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion zug\u00e4nglich gemacht worden waren. Daneben sprachen sie mit anderen Wissenschaftlern und Experten des Falls und entwickelten ein analytisches sowie ein numerisches Modell zur Rekonstruktion der Lawine, der die Expeditionsteilnehmer zum Opfer gefallen sein k\u00f6nnten.  <\/p>\n<p>\u00abDas R\u00e4tsel vom Djatlow-\u200bPass geh\u00f6rt heute zur russischen Folklore. Als ich meiner Frau erz\u00e4hlte, woran ich arbeite, war sie zutiefst beeindruckt\u00bb, sagt Puzrin. \u00abDas Projekt hat mich sehr gereizt, da ich zwei Jahre zuvor mit der Arbeit an Schneebrettlawinen begonnen hatte. Mein Hauptforschungsgebiet sind Erdrutsche. Ich untersuche, was genau passiert, wenn es zu Zeitverz\u00f6gerungen zwischen dem Ausl\u00f6ser und dem tats\u00e4chlichen Abgang eines Erdrutsches kommt.\u00bb Gaume und Puzrin sind der Meinung, dass die Gruppe f\u00fcr ihr Zelt in der Schneedecke des Hangs eine Grube aushob. Die Lawine selbst ging aber erst viele Stunden sp\u00e4ter ab.  <\/p>\n<p>\u00abEiner der Hauptgr\u00fcnde, warum die Lawinentheorie immer noch keine breite Anerkennung findet, ist, dass die Beh\u00f6rden den genauen Ablauf nicht erkl\u00e4ren konnten\u00bb, sagt Gaume. Tats\u00e4chlich spricht auch einiges gegen diese Theorie. So fand der Suchtrupp weder eindeutige Beweise f\u00fcr eine Lawine noch deren Ablagerung, und mit weniger als 30 Grad ist die durchschnittliche Hangneigung oberhalb des Lagers nicht steil genug f\u00fcr eine Lawine. Wenn es eine Lawine gegeben hat, dann ging diese ausserdem mindestens neun Stunden nach dem Anlegen des Zeltplatzes ab. Und schliesslich sind die an einigen Leichen gefundenen Brust-\u200b und Sch\u00e4delverletzungen nicht typisch f\u00fcr eine Lawine. In ihrer Studie, die am 28. Januar in der Fachzeitschrift Communications Earth &amp; Environment von Nature Research ver\u00f6ffentlicht wurde, greifen Gaume und Puzrin diese Punkte auf.  <\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/i.imgur.com\/rZKE3Dw.png\"> <\/p>\n<p>Darstellung des in den Hang unterhalb einer kleinen Bergschulter geschnittenen ebenen Zeltplatzes mit der vom Wind verfrachteten Schneeablagerung oberhalb des Zelts (Bild: Gaume\/Puzrin)  <\/p>\n<p>\u00abMithilfe von Daten zur Reibung zwischen Schneeschichten und der lokalen Topografie wollen wir beweisen, dass eine kleine Schneebrettlawine auf einem flacheren Hang abgehen k\u00f6nnte, ohne grosse Spuren zu hinterlassen. Anhand von Computersimulationen zeigen wir, dass eine Schneebrettlawine \u00e4hnliche Verletzungen wie die hervorrufen kann, die an einigen der Toten gefunden wurden. Dann gibt es nat\u00fcrlich noch die Zeitdifferenz zwischen dem Anschnitt des Hangs und dem Abgang der Lawine. Das ist das Hauptaugenmerk unseres Artikels. Die fr\u00fcheren Ermittlungen konnten nicht erkl\u00e4ren, wie mitten in der Nacht eine Lawine ausgel\u00f6st werden kann, wenn es am Abend davor nicht geschneit hat. Wir brauchten eine neue Theorie, die genau das erkl\u00e4rt\u00bb, berichtet Gaume.  <\/p>\n<p>Einer der wichtigsten Faktoren in der Nacht der Trag\u00f6die waren katabatische Winde \u2013 kalte Luft, die unter dem Einfluss der Schwerkraft hangabw\u00e4rts weht. Diese Winde k\u00f6nnten Schnee verfrachtet haben, der sich dann aufgrund eines bestimmten Gel\u00e4ndemerkmals, das der Gruppe nicht aufgefallen war, oberhalb des Zelts ansammelte. \u00abH\u00e4tten sie den Hang nicht angeschnitten, w\u00e4re nichts passiert. Das war der Initialausl\u00f6ser, h\u00e4tte allein aber nicht ausgereicht. Wahrscheinlich verfrachteten die katabatischen Winde den Schnee, der sich langsam aufh\u00e4ufte. Irgendwann bildete sich dann m\u00f6glicherweise ein Riss und breitete sich aus. Und am Ende ging ein Schneebrett ab\u00bb, erl\u00e4utert Puzrin.  <\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"Simulation einer Schneebrettlawine und ihrer Auswirkungen auf den menschlichen K&ouml;rper\" src=\"https:\/\/i.imgur.com\/vGAspuA.png\" width=\"711\" height=\"392\">&nbsp;<br \/>Simulation der Dynamik einer Schneebrettlawine und ihrer Auswirkungen auf den menschlichen K\u00f6rper (Bild: Gaume\/Puzrin)  <\/p>\n<p><a><\/a> <\/p>\n<p>Beide Forscher sind aber vorsichtig mit ihren Erkenntnissen und betonen, dass dieses Ungl\u00fcck in weiten Teilen ein R\u00e4tsel bleibt. \u00abTatsache ist, dass niemand wirklich weiss, was in dieser Nacht geschah. Aber wir haben starke quantitative Beweise, die die Lawinentheorie untermauern\u00bb, f\u00e4hrt Puzrin fort. F\u00fcr die Studie wurden zwei Modelle entwickelt: ein numerisches Modell der ETH Z\u00fcrich, mit dem die zum Ausl\u00f6sen einer Lawine n\u00f6tige Zeit kalkuliert wurde, und ein Modell des SLAB, das die Auswirkungen von Lawinen auf den menschlichen K\u00f6rper untersuchte. Beide werden nun daf\u00fcr eingesetzt, mehr \u00fcber Lawinen und die damit verbundenen Risiken zu erfahren. Mit ihrer Arbeit zollen Gaume und Puzrin der Gruppe vom Djatlow-\u200bPass Tribut, die einer \u00abmassiven Naturgewalt\u00bb ausgesetzt war und, obwohl sie ihre gef\u00e4hrliche Expedition nicht beenden konnte, Generationen von Wissenschaftlern ein h\u00f6chst mysteri\u00f6ses R\u00e4tsel aufgegeben hat.  <\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"https:\/\/web.archive.org\/web\/20231229114412\/https:\/\/ethz.ch\/de\/news-und-veranstaltungen\/eth-news\/news\/2021\/01\/ein-neuer-blick-auf-ein-altes-raetsel.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Mitteilung der ETH Z\u00fcrich<\/a> <\/p>\n<p><a><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Nacht vom 1. auf den 2. Februar 1959 starben neun Skiwanderer auf bisher ungekl\u00e4rte und mysteri\u00f6se Weise am \u00f6stlichen Hang des Berges Cholat Sjachl (mansisch f\u00fcr Berg des Todes; 1097 m) im n\u00f6rdlichen Ural (Sowjetunion). Die Stelle wird &hellip; <a href=\"https:\/\/borncity.eu\/senioren\/2021\/02\/05\/erklrung-fr-tragdie-am-djatlow-pass-im-jahr-1959\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[168],"class_list":["post-15776","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/borncity.eu\/senioren\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15776","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/borncity.eu\/senioren\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/borncity.eu\/senioren\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/borncity.eu\/senioren\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/borncity.eu\/senioren\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=15776"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/borncity.eu\/senioren\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15776\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":27190,"href":"https:\/\/borncity.eu\/senioren\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15776\/revisions\/27190"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/borncity.eu\/senioren\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=15776"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/borncity.eu\/senioren\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=15776"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/borncity.eu\/senioren\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=15776"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}