{"id":18846,"date":"2022-03-03T00:11:00","date_gmt":"2022-03-02T23:11:00","guid":{"rendered":"https:\/\/borncity.com\/senioren\/?p=18846"},"modified":"2024-07-26T14:43:21","modified_gmt":"2024-07-26T12:43:21","slug":"hr-6819-kein-schwarzes-loch-sondern-ein-vampirstern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/borncity.eu\/senioren\/2022\/03\/03\/hr-6819-kein-schwarzes-loch-sondern-ein-vampirstern\/","title":{"rendered":"HR 6819: Kein schwarzes Loch, sondern ein &quot;Vampirstern&quot;"},"content":{"rendered":"<p>Man hat sich schlicht geirrt, als man im Jahr 2020 die Entdeckung des erdn\u00e4chsten Schwarzen Lochs in nur 1000 Lichtjahren vermeldete. Denn bei dem System HR 6819 handelt es sich um ein Zwei-Sterne-Vampir-System, welches sich in einem seltenen und kurzlebigen Stadium seiner Entwicklung befindet.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Wissenschaft kann spannend sein. So fand die <a href=\"https:\/\/www.eso.org\/public\/news\/eso2007\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">urspr\u00fcngliche Studie \u00fcber HR 6819<\/a> sowohl bei der Presse als auch bei Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen gro\u00dfe Beachtung. Ich hatte im Blog-Beitrag <a href=\"https:\/\/borncity.eu\/senioren\/2020\/05\/07\/schwarzes-loch-nur-1-000-lichtjahre-entfernt-entdeckt\/\">Schwarzes Loch nur 1.000 Lichtjahre entfernt entdeckt<\/a> hier dar\u00fcber berichtet, weil ich den Fachleuten glaubte. Nun ja, wie l\u00e4sst Friedrich D\u00fcrrenmatt einen der Bewohner des Irrenhauses in \"<a href=\"https:\/\/www.grin.com\/document\/97649\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Die Physiker<\/a>\" sagen? \"Es lebt der Mensch, solang er irrt\" Meine Lehrer w\u00fcrden sich im Grabe umdrehen, wenn sie w\u00fcssten, dass mir nach 46 Jahren entfallen ist, ob es Einstein, Newton oder M\u00f6bius war, der das postuliert hat. Aber zur\u00fcck zum Thema.<\/p>\n<p>Thomas Rivinius, ein in Chile ans\u00e4ssiger ESO-Astronom und Hauptautor der Studie, war nicht \u00fcberrascht von der Reaktion der Fachwelt auf ihre Entdeckung des schwarzen Lochs. \u201e<em>Es ist nicht nur normal, sondern sollte auch so sein, dass Ergebnisse hinterfragt werd<\/em>en\", sagt er, \u201e<em>und ein Ergebnis, das Schlagzeilen macht, erst recht<\/em>.\"<\/p>\n<p>Rivinius und seine Kollegen und Kolleginnen waren davon \u00fcberzeugt, dass die beste Erkl\u00e4rung f\u00fcr die Daten, die sie mit dem <a href=\"https:\/\/www.eso.org\/public\/teles-instr\/lasilla\/mpg22\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">2,2-Meter-Teleskop der MPG\/ESO<\/a> gewonnen hatten, darin bestand, dass HR 6819 ein Dreifachsystem war, bei dem ein Stern alle 40 Tage ein schwarzes Loch umkreist und ein zweiter Stern in einer viel weiteren Umlaufbahn.<\/p>\n<p>Aber eine Studie unter der Leitung von Julia Bodensteiner, damals Doktorandin an der KU Leuven, Belgien, <a href=\"https:\/\/www.aanda.org\/articles\/aa\/pdf\/2020\/09\/aa38682-20.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">schlug eine andere Erkl\u00e4rung<\/a> f\u00fcr dieselben Daten vor: HR 6819 k\u00f6nnte auch ein System mit nur zwei Sternen auf einer 40-t\u00e4gigen Umlaufbahn sein und \u00fcberhaupt kein schwarzes Loch aufweisen. Dieses alternative Szenario w\u00fcrde voraussetzen, dass einer der Sterne \u201eabgetragen\" wurde, was bedeutet, dass er zu einem fr\u00fcheren Zeitpunkt einen gro\u00dfen Teil seiner Masse an den anderen Stern verloren hat. Die Vampir-Theorie war &#8211; durch die Theorie der angehenden, schlauen Frau Doktor &#8211; geboren.<\/p>\n<p>\"<em>Wir hatten die Grenze der vorhandenen Daten erreicht, so dass wir eine andere Beobachtungsstrategie anwenden mussten, um zwischen den zwei von den beiden Teams vorgeschlagenen Szenarien zu entscheiden<\/em>\", sagt die KU Leuven-Forscherin Abigail Frost, die die neue Studie leitete, die gerade in <em>Astronomy &amp; Astrophysics<\/em> ver\u00f6ffentlicht wurde.<\/p>\n<p>Um das R\u00e4tsel zu l\u00f6sen, arbeiteten die beiden Teams zusammen, um neue, sch\u00e4rfere Daten von HR 6819 mit dem Very Large Telescope (<a href=\"https:\/\/www.eso.org\/public\/teles-instr\/paranal-observatory\/vlt\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">VLT<\/a>) und dem Very Large Telescope Interferometer (<a href=\"https:\/\/www.eso.org\/public\/teles-instr\/paranal-observatory\/vlt\/vlti\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">VLTI<\/a>) der ESO zu erhalten. \u201e<em>Das VLTI war die einzige Einrichtung, die uns die entscheidenden Daten liefern konnte, die wir brauchten, um zwischen den beiden Erkl\u00e4rungen zu unterscheiden<\/em>\", sagt Dietrich Baade, Autor sowohl der urspr\u00fcnglichen HR 6819-Studie als auch des neuen Artikels in <em>Astronomy &amp; Astrophysics<\/em>. Da es keinen Sinn machte, dieselbe Beobachtung zweimal anzufordern, schlossen sich die beiden Teams zusammen und konnten so ihre Ressourcen und ihr Wissen b\u00fcndeln, um die wahre Natur dieses Systems zu ergr\u00fcnden.<\/p>\n<p>\u201e<em>Die Szenarien, nach denen wir suchten, waren ziemlich klar, sehr unterschiedlich und mit dem richtigen Instrument leicht zu unterscheiden<\/em>\", sagt Rivinius. \u201e<em>Wir waren uns einig, dass es in dem System zwei Lichtquellen gibt. Die Frage war also, ob sie einander eng umkreisen, wie im Szenario des abgestreiften Sterns, oder weit voneinander entfernt sind, wie im Szenario des schwarzen Lochs<\/em>.\"<\/p>\n<p>Um zwischen den beiden Vorschl\u00e4gen zu unterscheiden, verwendeten die Astronomen und Astronominnen sowohl das GRAVITY-Instrument des VLTI als auch das Instrument Multi Unit Spectroscopic Explorer (MUSE) am VLT der ESO.<\/p>\n<p>\u201e<em>MUSE best\u00e4tigte, dass es keinen hellen Begleiter in einer weiteren Umlaufbahn gab, w\u00e4hrend die hohe r\u00e4umliche Aufl\u00f6sung von GRAVITY in der Lage war, zwei helle Quellen aufzul\u00f6sen, die nur durch ein Drittel der Entfernung zwischen Erde und Sonne getrennt waren<\/em>\", sagt Frost. \u201e<em>Diese Daten erwiesen sich als das letzte Teil des Puzzles und erlaubten uns die Schlussfolgerung, dass HR 6819 ein Doppelsternsystem ohne schwarzes Loch ist<\/em>.\"<\/p>\n<p>\u201e<em>Unsere beste Interpretation bisher ist, dass wir dieses Doppelsternsystem in einem Moment erwischt haben, kurz nachdem einer der Sterne die Atmosph\u00e4re von seinem Begleitstern abgesaugt hatte. Dies ist ein h\u00e4ufiges Ph\u00e4nomen in engen Doppelsternsystemen, das in der Presse manchmal als \u00bb<a href=\"https:\/\/www.eso.org\/public\/news\/eso1230\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">stellarer Vampirismus<\/a>\u00ab bezeichnet wird<\/em>\", erkl\u00e4rt Bodensteiner, der jetzt ein Fellow bei der ESO in Deutschland und ein Autor der neuen Studie ist. \u201e<em>W\u00e4hrend der abgebende Stern einen Teil seines Materials verlor, begann der empfangende Stern, sich schneller zu drehen.<\/em>\"<\/p>\n<p>\"<em>Es ist extrem schwierig, eine solche Phase nach dem Austausch zu erfassen, da sie so kurz ist<\/em>\", f\u00fcgt Frost hinzu. \"<em>Das macht unsere Ergebnisse f\u00fcr HR 6819 sehr aufregend, denn er ist ein perfekter Kandidat, um zu untersuchen, wie dieser Vampirismus die Entwicklung massereicher Sterne beeinflusst und damit auch die Entstehung der damit verbundenen Ph\u00e4nomene wie Gravitationswellen und heftige Supernovaexplosionen.<\/em>\"<\/p>\n<p>(<a href=\"https:\/\/youtu.be\/KDBwXSDNdBg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Videoanimation des Sternsystems<\/a>, Quelle: YouTube)<\/p>\n<p>Das neu gebildete gemeinsame Team von Leuven und ESO plant nun, HR 6819 mit dem GRAVITY-Instrument des VLTI genauer zu beobachten. Die Forschenden werden eine gemeinsame Studie \u00fcber das System im Laufe der Zeit durchf\u00fchren, um seine Entwicklung besser zu verstehen, seine Eigenschaften einzugrenzen und dieses Wissen zu nutzen, um mehr \u00fcber andere Doppelsternsysteme zu erfahren.<\/p>\n<p>Was die Suche nach schwarzen L\u00f6chern angeht, bleibt das Team optimistisch. \u201e<em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Schwarzes_Loch#Stellare_Schwarze_L%C3%B6cher\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Stellare schwarze L\u00f6cher<\/a> sind aufgrund ihrer Beschaffenheit nach wie vor sehr schwer zu finden<\/em>\", sagt Rivinius. \u201e<em>Aber Sch\u00e4tzungen in Gr\u00f6\u00dfenordnungen deuten darauf hin, dass es allein in der Milchstra\u00dfe Dutzende bis Hunderte von Millionen schwarzer L\u00f6cher gibt<\/em>\", f\u00fcgt Baade hinzu. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Astronomen oder Astronominnen sie entdecken.<\/p>\n<h2>Weitere Informationen<\/h2>\n<p>Diese Forschungsarbeit wurde in der Publikation \u201e<em>HR 6819 is a binary system with no black hole: Revisiting the source with infrared interferometry and optical integral field spectroscopy<\/em>\" (DOI: <a href=\"https:\/\/www.aanda.org\/10.1051\/0004-6361\/202143004\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">10.1051\/0004-6361\/202143004<\/a>) in der Zeitschrift <em>Astronomy &amp; Astrophysics<\/em> erschienen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man hat sich schlicht geirrt, als man im Jahr 2020 die Entdeckung des erdn\u00e4chsten Schwarzen Lochs in nur 1000 Lichtjahren vermeldete. Denn bei dem System HR 6819 handelt es sich um ein Zwei-Sterne-Vampir-System, welches sich in einem seltenen und kurzlebigen &hellip; <a href=\"https:\/\/borncity.eu\/senioren\/2022\/03\/03\/hr-6819-kein-schwarzes-loch-sondern-ein-vampirstern\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[13,690],"tags":[206],"class_list":["post-18846","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-natur","category-wissenschaft","tag-astronomie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/borncity.eu\/senioren\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18846","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/borncity.eu\/senioren\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/borncity.eu\/senioren\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/borncity.eu\/senioren\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/borncity.eu\/senioren\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=18846"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/borncity.eu\/senioren\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18846\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":25287,"href":"https:\/\/borncity.eu\/senioren\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18846\/revisions\/25287"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/borncity.eu\/senioren\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=18846"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/borncity.eu\/senioren\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=18846"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/borncity.eu\/senioren\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=18846"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}