{"id":27605,"date":"2025-02-26T00:03:35","date_gmt":"2025-02-25T23:03:35","guid":{"rendered":"https:\/\/borncity.com\/senioren\/?p=27605"},"modified":"2025-02-25T15:54:32","modified_gmt":"2025-02-25T14:54:32","slug":"erdrutsch-im-dickson-fjord-loest-neun-tage-seismische-signale-aus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/borncity.eu\/senioren\/2025\/02\/26\/erdrutsch-im-dickson-fjord-loest-neun-tage-seismische-signale-aus\/","title":{"rendered":"Erdrutsch im Dickson-Fjord l\u00f6st neun Tage seismische Signale aus"},"content":{"rendered":"<p>Im September 2023 registrierten Erdbebenmessger\u00e4te weltweit ein einzigartiges seismisches Signal, das stellenweise bis zu neun Tage lang nachweisbar war. Verursacht wurde es durch einen massiven Erdrutsch im Dickson-Fjord in Gr\u00f6nland. Was diesen ausl\u00f6ste und warum das Signal so lange anhielt, haben Forschende des Karlsruher Instituts f\u00fcr Technologie (KIT) gemeinsam mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus der ganzen Welt untersucht.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Mit empfindlichen wissenschaftlichen Instrumenten, den sogenannten Seismometern, lassen sich Schwingungen aufzeichnen, welche die Erde durchdringen. Die Ger\u00e4te messen diese seismischen Wellen in der Regel bei Erdbeben, sie k\u00f6nnen aber auch Informationen \u00fcber Bewegungen gro\u00dfer Wasser- oder Erdmassen an der Erdoberfl\u00e4che erfassen.<\/p>\n<h2>Ein komisches seismisches Signal<\/h2>\n<p>\"Im September 2023 entdeckten wir ein Signal, das global zu erkennen war\", sagt Dr. Thomas Forbriger vom Geophysikalischen Institut des KIT. \"Es sah v\u00f6llig anders aus als ein Erdbeben. Das Signal war eine Schwingung mit einer einzigen dominierenden Frequenz, wie ein monotones Brummen, das sehr langsam abklingt.\"<\/p>\n<p>Um dem Ph\u00e4nomen auf den Grund zu gehen, schlossen sich 68 Forschende aus 40 Einrichtungen in 15 L\u00e4ndern und unterschiedlichen Disziplinen zusammen. Sie kombinierten Seismometer- und Infraschalldaten, Feldmessungen, Boden- und Satellitenbilder, Simulationen von Tsunamiwellen sowie Bildmaterial des d\u00e4nischen Milit\u00e4rs. \"Dank dieser disziplin\u00fcbergreifenden Zusammenarbeit und der einzigartigen Kombination aus lokalen Daten und globalen Fernbeobachtungen konnten wir die au\u00dfergew\u00f6hnliche Abfolge der Ereignisse rekonstruieren\", so Forbriger. \"Dazu haben Messdaten von der Qualit\u00e4t, wie sie das KIT und die Universit\u00e4t Stuttgart am geowissenschaftlichen Black Forest Observatory aufzeichnen, entscheidend beigetragen.\"<\/p>\n<p>Sie <a href=\"https:\/\/nachrichten.idw-online.de\/2024\/09\/13\/wie-ein-fjord-in-groenland-ein-globales-seismisches-signal-erzeugte\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">fanden heraus<\/a>, dass die Quelle der Schwingungen das anhaltende Hin- und Herschwappen von Wasser in dem engen Dickson Fjord war. Der\u00a0<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Dickson_Fjord\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><span class=\"mw-page-title-main\">Dickson Fjord<\/span><\/a> findet sich an der Ostk\u00fcste Gr\u00f6nlands und reicht weit ins Landesinnere hinein. Ein gr\u00f6\u00dferer Erdrutsch war f\u00fcr das betreffende Ereignis urs\u00e4chlich.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/nachrichten.idw-online.de\/2024\/09\/13\/wie-ein-fjord-in-groenland-ein-globales-seismisches-signal-erzeugte\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/i.postimg.cc\/SR9RG36k\/image.png\" alt=\"Erdrutsch im Dickson Fjord in Gr\u00f6nland\" width=\"640\" height=\"677\" \/><\/a><\/p>\n<p>Die Forschenden zeigten auch den Zusammenhang zwischen dem Erdrutsch und dem Ausd\u00fcnnen eines Gletschers auf, das sie auf den Klimawandel zur\u00fcckf\u00fchren. Ihre Ergebnisse haben sie in der Fachzeitschrift Science ver\u00f6ffentlicht (Link DOI: 10.1126\/science.adm9247)<\/p>\n<h2>Rekonstruktion des Ereignisses durch mathematische Modelle<\/h2>\n<p>\u00dcber k\u00fcrzlich zu diesem Thema bereits ver\u00f6ffentlichte Ergebnisse hinaus, konnten die Forschenden mithilfe der Vor-Ort-Beobachtungen und der Messdaten direkt aus dem abgelegenen Dickson-Fjord in Gr\u00f6nland ein realistisches hochaufgel\u00f6stes numerisches Modell erstellen, mit dem sie das Ereignis rekonstruieren und die Ursache des Signals belegen konnten. Das Modell ergab, dass eine \u201eSeiche\" f\u00fcr die global messbaren Schwingungen verantwortlich war. Dieses Ph\u00e4nomen \u00e4hnelt dem Hin- und Herschwappen von Wasser in einer Badewanne, das entsteht, wenn man auf einer Seite einsteigt und dabei das Wasser verdr\u00e4ngt.<\/p>\n<p>Die Seiche wurde durch einen massiven Erdrutsch im Fjord verursacht. Ausl\u00f6ser war der Einsturz eines Berggipfels, der sich zuvor 1 200 Meter \u00fcber den Fjord erhob. \"Das Volumen des herabst\u00fcrzenden Materials war enorm \u2013 mehr als 25 Millionen Kubikmeter. Das ist genug, um 10 000 olympische Schwimmbecken zu f\u00fcllen\", so Kristian Svennevig vom Geologischen Dienst von D\u00e4nemark und Gr\u00f6nland (GEUS), der die Untersuchungen koordiniert hat. D<\/p>\n<p>ie herabst\u00fcrzende Masse verdr\u00e4ngte eine gro\u00dfe Wassermenge im Fjord, die als anfangs 200 Meter hoher Megatsunami aus diesem hinauslief. Die durch das nur wenige Minuten dauernde Ereignis entstandenen Wasserwellen schwappten daraufhin Tage lang in dem engen Fjord hin und her.<\/p>\n<h2>Seismische Wellen durch Wassermassenbewegung<\/h2>\n<p>Die Berechnungen der Forschenden ergaben, dass das Wasser mit einer Periode von circa 90 Sekunden quer zum Fjord hin- und herschwappte, was der Schwingungsperiode der beobachteten seismischen Wellen entspricht. Ein Video mit einer Simulation dieser Wasserbewegung findet sich auf <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=5et66s74OGs\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">YouTube<\/a>.<\/p>\n<p>\"Dass er zu einer solchen Schwingung f\u00e4hig ist, scheint eine besondere Eigenschaft des Dickson-Fjords zu sein. In der wissenschaftlichen Literatur gibt es bisher praktisch keine Berichte \u00fcber Schwappschwingungen dieser Frequenz, die derart langsam abklingen. Unsere Beobachtung ist auch in dieser Hinsicht einzigartig\", betont Rudolf Widmer-Schnidrig von der Universit\u00e4t Stuttgart.<\/p>\n<p>Die Bewegungen der gro\u00dfen Wassermasse erzeugten seismische Wellen, die an den n\u00e4chsten Messstationen \u00fcber neun Tage lang messbar waren. Die Wellen liefen um die Erde und waren bis in die Antarktis in fast 20 000 Kilometern Entfernung beobachtbar. Der Studie zufolge war der Tsunami einer der h\u00f6chsten in der j\u00fcngeren Geschichte. Au\u00dferhalb des Fjords besch\u00e4digten vier Meter hohe Wasserwellen eine Forschungsbasis auf der 70 Kilometer entfernten Insel Ella und zerst\u00f6rten kulturelle sowie arch\u00e4ologische St\u00e4tten im gesamten Fjordsystem.<\/p>\n<h2>Klimawandel und geologischen Prozesse h\u00e4ngen zusammen<\/h2>\n<p>Die Forschenden untersuchten auch, wie es zu dem massiven Erdrutsch kommen konnte. Auf Satellitenbildern konnten sie erkennen, dass sich der Gletscher am Fu\u00df des Berges in den letzten Jahrzehnten stark ausged\u00fcnnt hat. Der Erdrutsch und der Tsunami seien zudem die ersten, die in Nordost-Gr\u00f6nland beobachtet wurden. Die Forschenden f\u00fchren das Ereignis auf den Klimawandel zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Es zeige, dass sich dieser auch dort bereits stark auswirkt. Die Untersuchungen verdeutlichen die Zusammenh\u00e4nge zwischen dem Klimawandel und Prozessen in der Atmosph\u00e4re, der Destabilisierung des Gletschereises (Kryosph\u00e4re), den Bewegungen von Wassermassen (Hydrosph\u00e4re) und der festen Erdkruste (Lithosph\u00e4re).<\/p>\n<p>Die Forschenden planen, seismische Instrumente im Dickson-Fjord zu installieren, um das Gebiet noch besser zu verstehen. \"Bei diesem Ereignis hatten wir Gl\u00fcck, dass keine Menschen verletzt wurden. Aber unsere Studie zeigt, dass es angesichts des sich rasant beschleunigenden Klimawandels wichtiger denn je sein wird, auch Regionen, die bisher als stabil galten, zu charakterisieren und zu \u00fcberwachen\", sagt Svennevig. \"Nur so k\u00f6nnen wir k\u00fcnftig rechtzeitig vor solchen massiven Erdrutschen und Tsunamis warnen.\"<\/p>\n<p>Originalpublikation: Kristian Svennevig et al.: A rockslide-generated tsunami in a Greenland fjord rang Earth for 9 days. Science, 2024. DOI: 10.1126\/science.adm9247<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im September 2023 registrierten Erdbebenmessger\u00e4te weltweit ein einzigartiges seismisches Signal, das stellenweise bis zu neun Tage lang nachweisbar war. Verursacht wurde es durch einen massiven Erdrutsch im Dickson-Fjord in Gr\u00f6nland. 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