{"id":8934,"date":"2019-04-25T00:31:00","date_gmt":"2019-04-24T22:31:00","guid":{"rendered":"https:\/\/borncity.com\/senioren\/?p=8934"},"modified":"2024-09-26T23:00:14","modified_gmt":"2024-09-26T21:00:14","slug":"arztbriefe-unverstndlich-und-risikoreich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/borncity.eu\/senioren\/2019\/04\/25\/arztbriefe-unverstndlich-und-risikoreich\/","title":{"rendered":"Arztbriefe: Unverst&auml;ndlich und risikoreich"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" style=\"float: left; margin: 0px 10px 0px 0px; display: inline;\" title=\"Gesundheit\" src=\"https:\/\/www.borncity.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/Gesundheit-2.jpg\" alt=\"Gesundheit\" width=\"60\" height=\"56\" border=\"0\" \/>Die Entlassungsberichte, allgemein als Arztbriefe bezeichnet, die Kliniken an \u00c4rzte schreiben, sind h\u00e4ufig unstrukturiert, fehlerhaft und werden von den weiterbehandelnden Haus\u00e4rzten als missverst\u00e4ndlich erlebt. Und nun soll das alles noch in einer elektronischen Gesundheitsakte erfasst werden.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/894a1e3d8755417ba1104029558b7ab8\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/>Dass Arztbriefe wegen des medizinischen Fachvokabulars f\u00fcr Patienten unverst\u00e4ndlich sind, d\u00fcrften den meisten von uns bekannt sein. Aber auch die \u00c4rzte habe so ihre Not mit den Arztbriefen der Kollegen. Ich habe im Familienkreis die F\u00e4lle erlebt, wo der Neurologe in der Praxis den Arztbrief bekam, dr\u00fcber flog und ihm rausrutschte 'da haben die Kollegen aber wenig dokumentiert'. Dann griff er zum H\u00f6rer, um den Chefarzt der Station dieser Klinik anzurufen, um nachzufragen, ob diese oder jene Tests gemacht wurden. Scheiterte, weil die Person nicht greifbar war. Ein unn\u00f6tiger Aufwand und riskant dazu, weil das Wissen der behandelnden \u00c4rzte in der Klinik nicht an den zur Nachbehandlung zust\u00e4ndigen Arzt weiter geht.<\/p>\n<h2>Eine Studie zur Qualit\u00e4t von Arztbriefen<\/h2>\n<p>Um die Qualit\u00e4t von Arztbriefen beurteilen zu k\u00f6nnen, wurde eine Studie von den Linguisten Dr. Sascha Bechmann und Julia Riedel M.A. vom Lehrstuhl f\u00fcr Germanistische Sprachwissenschaft der Universit\u00e4t D\u00fcsseldorf in Zusammenarbeit mit deutschen Haus\u00e4rzteverb\u00e4nden durchgef\u00fchrt.<\/p>\n<p>197 Haus\u00e4rzte wurden darin zu den h\u00e4ufigsten Problemen in Arztbriefen befragt. Die Studie offenbart, dass einheitliche Standards fehlen, mit denen Missverst\u00e4ndnisse k\u00fcnftig vermieden werden k\u00f6nnen. Sie zeigt auch: Es mangelt bislang an systematischen Untersuchungen sowohl zur Lese- als auch zur Schreibpraxis deutscher \u00c4rzte. Und sie l\u00e4sst erkennen, dass Aufwand und Nutzen bei Arztbriefen oft in keinem Verh\u00e4ltnis stehen.<\/p>\n<ul>\n<li>Ein Viertel der Haus\u00e4rzte liest nicht selten mehr als zehn klinische Entlassungsbriefe pro Tag (im Mittel sind es drei bis zehn Briefe t\u00e4glich). Das entspricht einer t\u00e4glichen Lesedauer von bis zu 60 Minuten.<\/li>\n<li>Auf Seiten der Klinik\u00e4rzte ist der Aufwand noch h\u00f6her \u2013 hier werden t\u00e4glich bis zu drei Stunden mit dem Verfassen der Arztbriefe verbracht.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Der Aufwand f\u00fchrt auf beiden Seiten h\u00e4ufig nicht zu befriedigenden Ergebnissen. Das Ergebnis der Studie l\u00e4sst sich auf einen kurzen Nenner bringen: Die Entlassungsberichte, die Kliniken an \u00c4rzte schreiben, sind nicht nur h\u00e4ufig unstrukturiert und fehlerhaft. Sie werden von den weiterbehandelnden Haus\u00e4rzten auch als missverst\u00e4ndlich erlebt.<\/p>\n<h2>Der Doktor versteht es auch nicht mehr<\/h2>\n<p>Missverst\u00e4ndliche Formulierungen in Arztbriefen bringen die Allgemeinmediziner \u201eregelm\u00e4\u00dfig zur Verzweiflung\", so Dr. Sascha Bechmann. Vor allem fachinterne Ausdr\u00fccke und unbekannte oder doppeldeutige Abk\u00fcrzungen bieten unerw\u00fcnschten Spielraum f\u00fcr Interpretationen. Die Studie zeigt: Vor allem nicht erkl\u00e4rte Abk\u00fcrzungen sind problematisch.<\/p>\n<ul>\n<li>34 % der Befragten gaben an, dass unbekannte Abk\u00fcrzungen h\u00e4ufig oder sehr h\u00e4ufig in Arztbriefen vorkommen.<\/li>\n<li>Nur 1,5 % der Haus\u00e4rzte mussten sich noch nicht damit auseinandersetzen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Der klinische Entlassungsbrief soll in erster Linie eines gew\u00e4hrleisten: die verlustfreie und eindeutige \u00dcbermittlung therapierelevanter Informationen an den Hausarzt, der mit diesen Informationen eine angemessene, sichere Weiterbehandlung des Patienten gestalten soll.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" title=\"Arzt\" src=\"https:\/\/borncity.eu\/senioren\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/J3cUMGL.jpg\" alt=\"Arzt\" width=\"467\" height=\"622\" \/><br \/>\n(Quelle: Pexels\/Pixabay CC0 Lizenz)<\/p>\n<p>Bechmann: \u201eDass solche Dokumente keinen Spielraum f\u00fcr Interpretationen geben d\u00fcrfen, liegt auf der Hand. Dennoch zeigen die Ergebnisse der Befragung, dass missverst\u00e4ndliche und unvollst\u00e4ndige Arztbriefe eher die Regel als die Ausnahme sind. 99 % der Befragten gaben an, dass die Qualit\u00e4t der Arztbriefe verbesserungsw\u00fcrdig sei. Nur 3,6 % der Befragten waren in ihrer bisherigen beruflichen Laufbahn noch nicht mit missverst\u00e4ndlichen Arztbriefen konfrontiert worden.\"<\/p>\n<p>Nahezu alle Haus\u00e4rzte gaben an, Arztbriefe in manchen F\u00e4llen nicht auf Anhieb zu verstehen. F\u00fcr Haus\u00e4rzte, die f\u00fcr die Weiterbehandlung auf unmissverst\u00e4ndliche und eindeutige Patienteninformationen angewiesen sind, ist dieser Zustand nicht nur \u00e4rgerlich, sondern er kann auch schwerwiegende Folgen f\u00fcr die Behandlung des Patienten nach sich ziehen. So waren 88 % der Befragten der Meinung, dass unverst\u00e4ndliche oder fehlerhafte Arztbriefe zu Behandlungsfehlern f\u00fchren k\u00f6nnen.<\/p>\n<h2>Qualit\u00e4t der Entlassungsbrief stark verbesserungsw\u00fcrdig<\/h2>\n<p>Insgesamt deuten die Ergebnisse darauf hin, so die Studienautoren, dass die Qualit\u00e4t der klinischen Entlassungsbriefe stark verbesserungsw\u00fcrdig ist. Entscheidend sind dabei strukturelle und inhaltliche Standards, die bislang fehlen. Weniger entscheidend f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis sind Textl\u00e4nge und formale Kriterien. Insbesondere vage Formulierungen sowie lange und komplizierte S\u00e4tze wurden als zentrale Quellen f\u00fcr Verst\u00e4ndnisprobleme genannt.<\/p>\n<p>Zudem ergab die Befragung, dass viele Arztbriefe durch schlechten Sprachstil und Rechtschreib- bzw. Grammatikfehler auffallen. Auch Floskeln und Wiederholungen sowie logische Fehler und fehlende Informationen wurden h\u00e4ufig von den Haus\u00e4rzten bem\u00e4ngelt.<\/p>\n<p>Vor allem diejenigen Textteile sind f\u00fcr Haus\u00e4rzte von Bedeutung, die konkrete Handlungsempfehlungen enthalten. 99 % der Haus\u00e4rzte bewerten die Entlassungsmedikation als wichtig oder sehr wichtig f\u00fcr die Weiterbehandlung des Patienten. Jedoch weisen eben diese h\u00e4ufig hohe Fehlerquoten auf. Die gr\u00f6\u00dften Fehlerquellen sind laut den Befragten die Entlassungsmedikation (von 76,6 % der Haus\u00e4rzte ausgew\u00e4hlt), die Therapieempfehlungen (von 74,1 % ausgew\u00e4hlt) und die Epikrise (von 64,5 % ausgew\u00e4hlt).<\/p>\n<p>Fast alle Befragten (99 %) geben an, schon einmal einen fehlerhaften Arztbrief erhalten zu haben. Ein Problem scheint dabei zu sein, dass die Informationen in den Briefen nicht zu den beigef\u00fcgten Befunden passen.<\/p>\n<p>Auch kritisierten die befragten Haus\u00e4rzte, dass die Entlassungsbriefe h\u00e4ufig verschiedene Gliederungsstrukturen und Formate aufweisen, Informationen vergessen oder falsch gewichtet und wesentliche Therapieschritte nicht kommentiert werden. Zudem weisen die Briefe nicht selten inhaltliche und fachliche Fehler sowie Widerspr\u00fcche auf und h\u00e4ufig werden zu viele irrelevante Informationen und Textbausteine ohne Interpretation aneinandergereiht.<\/p>\n<p>Die Studie legt auch den Schluss nahe, dass die computergest\u00fctzte Texterstellung fehleranf\u00e4llig ist, wenn mit einfachen Textbausteinen gearbeitet wird. Hier wird die fehlende Passung an die individuelle Patientengeschichte kritisiert.<\/p>\n<h2>Unerfreulich f\u00fcr Patient und Arzt<\/h2>\n<p>Alles in allem keine guten Aussichten, weder vom Blickwinkel des Patienten, noch aus Sicht des behandelnden Arztes. Mich hat es es einerseits ersch\u00fcttert, dass das Gesundheitswesen in Deutschland diesbez\u00fcglich nicht l\u00e4ngst einen gewissen Standard etabliert hat. Andererseits habe ich bei Familienangeh\u00f6rigen und bei eigenen Arztbriefen gesehen, wie die abgefasst sind. Gerne werden die dann noch zugeklebt 'f\u00fcr den Arzt' \u00fcberreicht, damit der Patient die nicht zu sehen bekommt.<\/p>\n<p>Prinzipiell habe ich mir angew\u00f6hnt, die Briefe dann zu \u00f6ffnen, eine Kopie anzufertigen und zumindest zu \u00fcberfliegen. Oder ich fordere bei der Entlassung eine Kopie des Arztbriefes zur Kontrolle. In einigen F\u00e4llen wurden dann schon gravierende Fehler erkennbar, auf die der Arzt dann hingewiesen werden konnte.<\/p>\n<blockquote><p>Nur als Anmerkung: Das ist nicht mal b\u00f6ser Wille der Klinik\u00e4rzte &#8211; das Personal in Pflege und die \u00c4rzte sind meist willig und motiviert. Aber die stecken in einem Hamsterrad mit \u00fcberbordender B\u00fcrokratie ohne sauberen Rahmen. Da fehlt dann oft die Zeit &#8211; und Zeitdruck l\u00e4sst Raum f\u00fcr Fehler oder Kollateralsch\u00e4den.<\/p><\/blockquote>\n<h2>Ob die digitale Patientenakte es richten wird?<\/h2>\n<p>Das bringt mich zu einer anderen Baustelle. Gesundheitsminister Jens Spahn versucht ja die elektronische Gesundheitsakte durchzusetzen \u2013 ein Projekt, welches seit Jahrzehnten nicht in die G\u00e4nge kommt. Versprochen wird, dass Patient und Arzt alle Gesundheitsdaten an einer Stelle einsehen k\u00f6nnen (z.B. auf einem Smartphone oder verwaltet \u00fcber eine zentrale Stelle). Einmal hege ich bisher wegen der Datensicherheit gr\u00f6\u00dfte Bedenken \u2013 ich hatte das in den nachfolgenden Blog-Beitr\u00e4gen dr\u00fcben in meinem IT-Blog angesprochen.<\/p>\n<h4><a href=\"https:\/\/www.borncity.com\/blog\/2018\/12\/24\/elektronische-patientenakte-br-will-datenschutz-schleifen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Elektronische Patientenakte: B\u00e4r will Datenschutz schleifen<\/a><br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.borncity.com\/blog\/2018\/09\/20\/datenschutz-gau-finger-weg-von-der-gesundheits-app-vivy\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Datenschutz-GAU: Finger weg von der Gesundheits-App Vivy<\/a><br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.borncity.com\/blog\/2018\/10\/30\/nchstes-sicherheitsdesaster-bei-vivy-gesundheits-app\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">N\u00e4chstes Sicherheitsdesaster bei Vivy-Gesundheits-App<\/a><br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.borncity.com\/blog\/2018\/07\/22\/singapurs-grter-gesundheitskonzern-gehackt\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Singapurs gr\u00f6\u00dfter Gesundheitskonzern gehackt<\/a><br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.borncity.com\/blog\/2016\/12\/04\/gesundheitswesen-besonders-anfllig-fr-hacker-angriffe\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Gesundheitswesen besonders anf\u00e4llig f\u00fcr Hacker-Angriffe<\/a><br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.borncity.com\/blog\/2016\/05\/15\/gesundheitsdaten-ziehen-kriminelle-besonders-an\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Gesundheitsdaten ziehen Kriminelle besonders an<\/a><br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.borncity.com\/blog\/2016\/03\/14\/old-school-hack-fr-gesundheitskarte\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Datenleck: Old-School-'Hack' f\u00fcr Gesundheitskarte<\/a><br \/>\n<a href=\"https:\/\/web.archive.org\/web\/20240614055048\/http:\/\/www.borncity.com\/blog\/2014\/08\/21\/heartbleed-lcke-zum-klau-der-gesundheitsdaten-genutzt\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Heartbleed-L\u00fccke zum Klau der Gesundheitsdaten genutzt<\/a><\/h4>\n<p>Die unbedarften Akteure auf diesem Feld ziehen Kriminelle und Hacker magisch an. Obige Artikelliste nennt ja konkrete F\u00e4lle. Nun kommt noch ein g\u00e4nzlich anderer Aspekt hinzu, den ich beim Verfassen der obigen Beitr\u00e4ge noch gar nicht auf dem Radar hatte. Wenn die Doctores das Zeugs schon nicht fehlerfrei, vollst\u00e4ndig und eindeutig auf Papier bringen k\u00f6nnen, wie soll das denn elektronisch klappen?<\/p>\n<p>Da sind ein paar 'Technik-Affen' unterwegs, die hoffen, dass die Weitergabe der Daten auf elektronischem Wegs Probleme behebt, die die \u00c4rzte gar nicht haben. Nicht fehlende Arztbriefe und \u2013Befunde sind das Problem, sondern deren Qualit\u00e4t. Und wenn ich die obige Studie lese, komme ich zur Erkenntnis, dass die Mediziner eh schon keine Zeit haben, einen simplen Arztbrief zu lesen. Wie sollen die sich dann in eine digitale Patientenakte mit zig Informationen vertiefen \u2013 immer mit dem Hintergedanken, das die darin abgespeicherten Informationen schlicht falsch oder veraltet sind? Wie ich die \u00c4rzte kenne, werden die sich nicht auf vage Angaben verlassen, sondern eher der eigenen Diagnostik, die notfalls nochmals angesto\u00dfen wird, vertrauen.<\/p>\n<p>Mich beschleicht das Gef\u00fchl, dass Gesundheitsminister Jens Spahn einer Fata Morgana hinterher l\u00e4uft, die die Betroffenen keinen Deut weiter bringt. Aber ich mag mich t\u00e4uschen und alles wird mit der elektronischen Patientenakte besser.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Entlassungsberichte, allgemein als Arztbriefe bezeichnet, die Kliniken an \u00c4rzte schreiben, sind h\u00e4ufig unstrukturiert, fehlerhaft und werden von den weiterbehandelnden Haus\u00e4rzten als missverst\u00e4ndlich erlebt. 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