Die Bank am Ort geschlossen, Parken nur noch per App bezahlen, Fahrscheine im öffentlichen Nahverkehr oder in der Bahn per Handy? Die Verwaltung will Anträge nur noch digital haben, Stromversorger, Versicherungen, oder andere Firmen verlangen von ihren Kunden, dass sie ein Online-Konto haben, in dem die Verträge geführt werden. Selbst das Finanzamt will alles digital. Andererseits werden täglich Hacks und Datenlecks bekannt. Zudem werden ältere Menschen ohne entsprechenden Digitalzugang vom Leben und der Teilnehme ausgesperrt.
Digitalisierungswelt im eigenen Erleben
Die Fragen einer fehl geleiteten Digitalisierung beschäftigen mich schon länger. Nicht alles, was digital hipp daherkommt, muss auch hipp sein. Ich bin zwar als IT-Blogger und -Autor, der seit 33 Jahren von seiner Schreibe lebt, sicherlich digital affin. Ich sehe aber, dass die Entwicklung viele Menschen schlicht überfordert.
Die 80 jährige Oma, die "Handybedienung lernt", ist kein Lackmustest
Die, leider auch in den Medien, angeführte, rührselige Geschichte der 80 jährigen Oma, der man ein Smartphone scheint und dieser dann die Benutzung beibringt, worauf die ältere Dame ganz stolz verkündet, jetzt auch an einer WhatsApp-Gruppe teilzunehmen, greift eindeutig zu kurz, bzw. ist gut gemeinter oder bewusster "Dummfug".
Die Masse der Digitalangebote ist das Problem
Zig Online-Konten, zig Zugangsdaten und schnell geht der Überblick verloren. Wer kann, wenn das Handy kaputt geht oder ins Klo fällt, ad hoc seine ganzen Online-Konten auf das Nachfolgegerät umziehen? Ich mache hier Handstände, um den Überblick über die Online-Konten zu behalten – alles ist dokumentiert. Aber wer hat das schon von den Millionen angeblich digital affinen Nutzern und Nutzerinnen?
Der Wechsel auf ein neues Smartphone ist schon eine Herausforderung (ich habe es vor drei Jahren nach dem Wechsel eines Mobilfunkproviders und Umstieg auf neue Smartphones für mehrere Familienmitglieder durch exerziert). Vieles läuft gut, und dann gibt es die App, die die Daten doch nicht bekommen hat. Oder die Zugangsdaten für ein Konto sind weg – und dann geht die Suche los, wie man wieder Zugriff bekommt.
Digitalisierungszwang, der schief läuft
In meinen Augen wird es langsam alles zu viel – ständig wirst Du gezwungen, den Informationen hinterher zu laufen. Was früher als Brief daherkam, muss man nun durch Nachschauen im Online-Konto kontrollieren. Der Steuerbescheid per Papier, bei dem Widerspruchsfristen anlaufen, soll ab dem 1. Januar 2027 nur noch digital im ELSTER-Portal eingestellt werden. Also ständig nachschauen, ob da was angekommen ist. Gleiches gilt für Versicherungen, Stromvertrag, Internetvertrag etc.
Dieses Szenario wird auch den digital affinen Zeitgenossen schlicht überfordern. Und dann muss mit bedacht werden, dass es Menschen gibt, die aus unterschiedlichen Gründen diese Digitaltechnik schlicht nicht nutzen können.
Dann kommt noch der Sicherheitsaspekt, wenn Anbieter gehackt werden und Daten abfließen. Im IT-Blog kann ich ja wöchentlich über mehrere Datenpannen und Hacks berichten. Verliert man die Zugangsdaten geht der Stress los, wie man wieder an sein Online-Konto kommt. Ganz übel wird es, wenn ein Online-Konto durch Dritte gekapert wird.
Und wer kein Handy und keinen Computer hat, ist digital von der Teilhabe ausgesperrt. Parken per App lehne ich daher, wegen der Vielzahl an Apps bzw. Anbietern samt den damit verbundenen technische Unzulänglichkeiten und vor allem Fehlern, schlicht ab. Self Service Scanner-Kassen benutze ich nur im Notfall. Auf die elektronische Patientenakte habe ich aus guten Gründen verzichtet und ein Opt-out genutzt. Aber an (oft grottenschlecht gemachter) Digitalisierung kommt man nicht mehr vorbei.
Was ich hier bewusst nicht aufgreife, ist die Frage, was passiert, wenn die technische Infrastruktur angegriffen wird, und digital nichts mehr geht? Dann sind wir verwaltungstechnisch tot. Ich brauche doch nur in meinem IT-Blog zu schauen, was in den Kommentaren abgeht, wenn EC-Kassenterminals im Handel für einige Tage wegen eines technischen Fehlers ausfallen oder die Postbank per Online-Banking ein Wochenende nicht erreichbar ist.
Eine plastische Beschreibung des Sachverhalts
Die Tage sind mir einige Sachverhalte untergekommen, die mich zu diesem Artikel inspiriert haben. Die Problematik ist keine ausschließlich Deutsche.
Bankkarte gesperrt und Ersatz dauert
Der britische Mirror beschreibt den Fall einer 80 Jährigen in Großbritannien, die sich über Wochen kein Essen kaufen konnte, weil Bargeld fehlte (ein deutschsprachiger Beitrag findet sich bei Focus Online).
Der Hintergrund: Wegen eines Betrugsfalls wurde die Debit-Karte von der britischen Lloyds Bank Ende Juli 2026 gesperrt und dies der Bankkundin auch per SMS mitgeteilt. Der Betrugsvorgang durch Dritte konnte von der Bank gestoppt werden. Die Kundin sollte eine Ersatz-Debit-Karte bekommen, um wieder digital bezahlen zu können.
Normalerweise sollte so etwas 2-3 Tage dauern, die man überbrücken kann. Im aktuellen Fall kam die Bankkundin erst Anfang September mit der neuen Debit-Karte wieder an Geld, war also einen Monat lang nicht in der Lage, auf ihr Bankkonto zuzugreifen. Lokale Bankfilialen gab es in ihrem Wohnbereich nicht mehr. "Ich konnte kein Essen kaufen, weil ich nicht an mein Geld herankam", sagte die 80 Jährige dem Mirror. Überbrücken ließ sich das Desaster durch die Hilfe eines Angehörigen, der in dieser Zeit die Einkäufe bezahlte.
Es wurde also Unterstützung durch Angehörige erforderlich, weil die Bank das nicht auf die Reihe bringt. Fehlen Angehörige, wird es zappenduster. Auch wenn obiger Fall in Großbritannien spielt, das könnte in Deutschland genau so passieren.
Digitalzwang und gesellschaftliche Teilhabe
Dann ist mir noch der nachfolgend gezeigte Tweet untergekommen, der die Probleme der fehlenden gesellschaftlichen Teilhabe durch den Digitalisierungszwang drastisch aufzeigt.
Der obige Text zeigt plastisch die Probleme auf und spießt den Sachverhalt, dass Digitalisierung schief läuft, auf.
Digitalisierung, die aus dem Ruder läuft
Wer kein Smartphone hat oder dieses nicht nutzen kann, ist ohne Hilfe aufgeschmissen. Das sind dann Fälle, die zeigen, wo die Digitalisierung total aus dem Ruder läuft. Ganz übel wird es in Zukunft werden, wenn Firmen glauben, menschliche Mitarbeiter durch Lösungen der künstlichen Intelligenz ersetzen zu können. Der Anruf bei Firmen, die einen unbrauchbaren "Telefonassistenten" haben, ist jetzt schon eine Katastrophe. Wie wird das in der Leserschaft gesehen? Wie geht man damit um?



Neulich auf dem Bürgeramt:
Ich brauchte eine beglaubigte Kopie einer Urkunde. "Das macht 14 Euro fünfzig" und mir wurde dieses Terminal gereicht. Ich legte einen Zwanzig-Euro Schein hin.
"Haben Sie keine Karte?" "Ja, aber ich möchte bar zahlen." "Wir nehmen nur Kartenzahlung, wegen der Vereinfachung, bitte zahlen Sie mit Karte."
Nach meinem Hinweis, dass sowohl in Deutschland als auch in der EU Bargeld ein gültiges Zahlungsmittel ist, wurde der Zwanzig-Euro Schein akzeptiert. Da kein Wechselgeld vorhanden war wurde irgendwie das Restgeld gefunden.
Vielleicht hängt jetzt mein Foto im Bürgeramt: Vorsicht! Mündiger Bürger.