Der Hörtest und die "nervende" Amplifon-Werbung

Stop - PixabayHeute mal ein selbst erlebtes Beispiel, wie Werbung absolut einen negativen Einschlag bekommen kann, obwohl das Geschäftsmodell eigentlich gut ist oder gut sein könnte. Es geht um das Thema Hören, Hörgeräte, sowie den Anbieter Amplifon, der mit gefühlt "halbseidenen" Methoden und möglicherweise irreführenden Schreiben "Initiative Hörgesundheit <Jahr>" einen Hörtest anbietet – eigentlich eine gute Sache – die durch "nachgelagerte" Werbung, Anrufe und E-Mails die Marke für mich absolut verbrannt hat. Ich stelle es mal in den Blog ein, vielleicht gibt es noch andere Betroffene.

Wer ist Amplifon?

Die Amplifon S.p.A. ist ein international tätiges italienisches Handelsunternehmen für Hörgeräte mit Sitz in Mailand. Die Unternehmensgruppe ist in Europa, Nord- und Südamerika, Asien und Ozeanien vertreten. In 26 Ländern werden Hörgeräte diverser Marken sowie Gehörschutz und Zubehör zur Kommunikation vertrieben.

Das Unternehmen verfügt über ein Vertriebsnetz von rund 10.000 Verkaufspunkten, davon 5500 eigenen Hörgeräte-Akustik-Fachgeschäfte, 1210 von Franchisingnehmern geführten Filialen sowie weitere 3300 Verkaufspunkte im Fachhandel. In Deutschland ist Amplifon mit rund 600 Fachgeschäften vertreten, in der Schweiz mit 100. Amplifon beschäftigt rund 15.000 Mitarbeiter und erwirtschaftete im Jahr 2024 einen Umsatz von rund 2,4 Milliarden Euro.

Eine Kurzrecherche ergab, dass viele Kunden und Kundinnen mit der Leistung der Hörgeräte-Akustik-Fachgeschäfte zufrieden waren (da sind Meisterinnen tätig, wobei es auch mal Ausreißer gibt). War ich gelegentlich durchschimmern sah, waren "höhere Preise" – und was bei den Leuten massive Kritik hervorrief, waren die "Werbemaßnahmen" von Amplifon.

Der Hörtest

Eigentlich fing es ganz positiv an – aber ich hätte gewarnt sein müssen. In der Post fand sich plötzlich ein persönlich adressiertes Schreiben einer Firma Amplifon, die für einen kostenlosen Hörtest im Rahmen einer "Bundesweite Initiative Hörgesundheit 2025" warb. Ich hätte so etwas sofort in den Papierkorb geworfen.

Weil mein Gehör doch nicht mehr so gut wie in jungen Jahren ist, war ich innerlich auf "gut, mache in den nächsten drei Monaten einen Termin beim Ohrenarzt, lasse einen Hörtest machen und dann sehen wir weiter" eingestellt. Aber meine Frau drängte auf "los, das machen wir jetzt, es gibt bei uns im Ort sogar Amplifon, ich mache das auch …".

Obwohl ich mich frage, wieso Amplifon an meine Daten heran kam, habe ich nicht vehement widersprochen, sondern nicht wirklich überzeugt irgendwie eingewilligt, und Frau "wider besseres Wissen mal machen lassen".

Zur Frage, wie Amplifon an die Daten gelangt: Amplifon gelangt häufig über spezialisierte Adresshändler, Datenauskunfteien (wie z.B. Media Information Systems Deutschland GmbH) oder öffentlich zugängliche Quellen an Adressdaten für Werbeaktionen. Diese Adressdaten werden oft gezielt für Direktmarketing genutzt, um Personen in bestimmten Altersgruppen zu kontaktieren, die für Hörgeräteangebote in Frage kommen.

Eigentlich bin ich da recht zurückhaltend, meine Daten in der Öffentlichkeit anzugeben – habe aber als Blogger den Nachteil, dass bestimmte Informationen öffentlich sind. Aber obiges Schreiben war an mich privat adressiert. Inzwischen habe ich die Weitergabe meiner Daten beim Einwohnermeldeamt sperren lassen.

Einige Tage später gab es einen Termin zum Hörtest im Amplifon-Geschäft unseres Orts. War komfortabel, die junge Hörgeräteakustikerin nahm unsere Daten auf und fragt, ob wir Werbung der Firma haben wollten, was wir beide ablehnten. Dann wurde ein Hörtest für uns beide im Akustiklabor des Hörgerätestudios durchgeführt.

Meine Frau hört noch wie ein Lux ("ich höre alles" ist ihr Spruch) und kam auf einen Wert von 105%. Für mich gilt "schlecht hören konnte er schon immer gut" – der Hörtest warf einen Wert von 95% aus. Die junge Hörgeräteakustikerin meinte "Ihre Frau ist vom Hörvermögen top, und bei Ihnen kann ich guten Gewissens noch kein Hörgerät verkaufen, kommen Sie gerne wieder, wenn das Hörvermögen schlechter wird". "Hörte sich" gut an – so bindet man Kunden.

Ich habe mich noch ein wenig mit der Dame (Hörgeräteakusterin mit Meistertitel) unterhalten und mich über den Stand der Technik für Hörgeräte informiert. Ich habe auch gelernt, dass die Dinger gerne mal 5.000 bis 7.000 Euro Zuzahlung kosten können. Aber vor "der Stunde Null" wäre ich eh zu einem Hals-Nasen-Ohren-Arzt für einen Hörtest gegangen und hätte auch noch einen anderen Hörgeräteakustiker im Ort konsultiert. Aber ich sage es mal so: Bis zu diesem Zeitpunkt war Amplifon oder die junge Franchise-Nehmerin in unserer Stadt für mich absolut positiv besetzt – es hätte eine Erfolgsgeschichte für Amplifon werden können. Hätte, hätte, Fahrradkette …

Nervige Anrufe, nervige Mails …

Wenige Wochen nach unserem Hörtest saß ich im ersten Stock im Büro, als im Erdgeschoss das Telefon klingelte. Frau nicht zuhause, also bin ich die Treppe runter, der Anruf konnte ja wichtig sein. Am Telefon eine Stimme "Sind sie Herr …" – typische Fangfrage, um ein "Ja" bei Telefonbetrug zu ergattern.

Es stellte sich heraus, dass die Dame aus einem Callcenter für Amplifon anrief, um mich zum "Kauf eines Hörgeräts" zu motivieren. Als ich höflich ablehnte und bat, den Namen zu streichen, dachte ich, der Fall wäre abgehandelt.

Aber Amplifon entwickelte Stalker-Qualitäten, "die Treppe runter-Nummer", weil Amplifon anruft, wiederholte sich mehrfach. Ich habe extrem unwirscher reagiert und die Anfrufer angewiesen, die Adressdaten zu löschen und nie wieder anzurufen.

Dann kam Frau angewackelt: "Ich bekomme Mails von Amplifon, ob Du nicht doch ein Hörgerät brauchst. Woher haben die bloß meine E-Mail-Adresse? Anrufe kriege ich auf dem Handy auch …". Ich habe erst einmal ein Pfund Kreide gefressen, um nicht aus der Haut zu fahren – ich hatte es geahnt.

Wobei ich nicht so genau weiß, welche Anrufe von meiner Frau gemeint sind. Immer wenn ich "die Daten gibt man nicht an …" anmerke, kommt "Du immer mit deiner Vorsicht, wer sollte sich schon für meine Daten interessieren …". Nun ja, "dat Mädel" musste auch WhatsApp haben – gut, hab ihr das eingerichtet, Du kannst als Mann nicht bei allem Nein sagen, und sie ist erwachsen, steht mit Technik aber auf Kriegsfuß. "Kannst Du nicht doch mal schauen, ich habe so eine komische Mail gekriegt … oder es geht nicht, mach mal", da habe ich mich in den gleich 52 Jahren, wo ich "dat Mädel" kenne, dran gewöhnt – sie hat andere Stärken und Qualitäten.

Von mehreren Handys im Haushalt ist ihres das einzige Gerät, welches Anrufe von unbekannten Anrufern bekommt. Wo die Mobilfunknummer geleakt wurde, ist für mich auch klar – in irgend einer WhatsApp-Gruppe braucht nur jemand Schadsoftware auf dem Gerät zu haben, schon wandert die Mobilfunknummer munter in entsprechende SPAM-Listen. Aber mir "Du mit deinem extremen Datenschutz-Fetisch, interessiert keinen Menschen" vor die Füße werfen.

Kommt jetzt negativ rüber, aber es gibt Situationen, wo "Frau einfach mal macht" und ich dann die Scherben aufkehren darf. Anderes bekommt sie extrem gut hin, hat mich manchmal "alt aussehen lassen, denn es ging doch" und hat mir manchmal bildlich "den Arsch gerettet". Also weiß ich was ich an "dat Mädel" habe, auch wenn ich gelegentlich Kreide fressen muss.

Langer Rede kurzer Sinn: Mit diesem "Nachfassen" hat das Amplifon-Marketing samt den beauftragten Call-Centern bei mir absolute verbranntes Land hinterlassen. Ein Amplifon-Geschäft werde ich mit Sicherheit nie wieder betreten.

Meist gute Fachberatung, nervige Drückermethoden

Geht man auf Trust-Pilot, finden sich viele fünf Sterne Bewertungen (beziehen sich auf gute Beratung in Filialen, was ich auch unterschreibe). Aber in der 1-Sterne-Kategorie finden sich immer wieder Stimmen, die das von mir oben Skizzierte thematisieren.

Amplifon Suche

Geht man auf die Google-Suche, werden einem bei bestimmten Suchbegriffen die in obigem Screenshot eingeblendeten Suchvorschläge angezeigt. Von der Frage, ob die Initiative Hörgesundheit Amplifon seriös sei, über Amplifon Werbung widersprechen bis "Amplifon Anrufe" und die Frage "Woher hat Amplifon meine Adresse" taucht alles auf, was ein seriös agierendes Unternehmen eigentlich nicht im Internet gebrauchen kann.

Das gibt mir persönlich bereits eine Einschätzung – habe ich aber erst beim Schreiben meines Beitrags hier so gesehen. Eigentlich hätte ich auf mein Bauchgefühl hören und der Frau das Schreiben aus der Hand nehmen und zerreißen sollen. Hätte, hätte Fahrradkette.

Verbraucherzentrale warnt

Beim Schreiben dieses Blog-Beitrags bin ich dann über die Internetsuche auch auf folgenden Facebook-Post gestoßen, wo mir "das kommt dir doch bekannt vor" durch den Kopf ging.

Amplifon Werbung

Nachfolgend ist der komplette Brief in anonymisierter Form abgebildet – genau das Schreiben, was mir auch zuging. Und die Posterin stellt sich die gleiche Frage, die mir auch durch den Kopf ging.

Amplifon-Schreiben

Rechtlich gibt es wohl keine Handhabe, solche Schreiben zu verbieten. Es gibt auch nur eine Antwort auf das Posting, in der auf den Beitrag Wenn ständige Werbepost nervt der Warnseite Mimikama verwiesen wird. Dort wird genau der obige Fall beschrieben – wer die Hörgeräteakustik-Firma ist, dürfte aus dem Kontext klar werden. Im Mimikama-Artikel heißt es zu einer Kampagne aus dem Jahr 2021:

Die individuell Angeschriebenen bewegen sich nicht zufällig in der Altersklasse ab 50 Jahre, in der laut angeführter Studien eine Hörminderung auftreten kann, und wohnen an einem Ort, wo eine Filiale ansässig ist. Hier wurde ganz offensichtlich Daten – Profiling betrieben, um zielgerichtet und mit größtmöglichem Erfolg potentielle Kunden für Hörgeräte zu akquirieren.

Das Ganze ist nicht neu und auch erlaubt. Wer solche oder andere nervende Werbebriefe jedoch nicht jedes Mal erst lesen und dann einzeln entsorgen will, sondern dauerhaft weitere verhindern will, muss handeln. „Ärgern allein genügt nicht", so die Verbraucherzentrale Sachsen-Anhalt."

Der Beitrag gibt Hinweise, wie man über eine DSGVO-Auskunft und Aufforderung zur  Löschung der Daten der Firma beikommen kann. Das werde ich jetzt auch tun und ggf. einen Beschwerde bei der Landesdatenschutzaufsicht einreichen, wenn nicht glasklar belegt werden kann, woher die Daten kamen, wohin sie übermittelt wurden, und was Amplifon unternommen hat, als ich die Werbesperre beantragt habe – denn auch nach der Aufforderung, keine Werbemails mehr zu senden, kam weiter Werbung.

Die Wettbewerbszentrale hat sich in diesem Artikel ebenfalls befasst und die obige Werbung nach meiner Lesart als unzulässig gerügt, aber wohl keine gerichtliche Untersagung beantragt.

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2 Antworten zu Der Hörtest und die "nervende" Amplifon-Werbung

  1. Blupp sagt:

    Danke für diesen Bericht. Auch ich hab eine Drückermethoden-Allergie und ordne die Sache für mich passend ein.

  2. Alter Sack sagt:

    Ich als Alter Sack, geringfügig älter als der Forenbetreiber, habe seit zwei Jahren ein Hörgerät, nachdem mit Test beim HNO-Arzt eine Hörminderung bestätigt wurde.
    Mit der Hörgeräteverordnung ging ich dann zur einzigen Hörgeräteakustikerin am Ort (Großes Dorf/kleines Städtchen) und erhielt ein Testgerät. Zur selben Zeit hatte mein Bruder das gleiche Schicksal, der allerdings in einer Großstadt wohnt.
    Wir testeten beide das identische Hörgerät (selber Hersteller und Leistung) und ließen uns einen Kostenvoranschlag erstellen.
    Mein Bruder (wir sind beide gesetzlich versichert) sollte etwa ~800€ zuzahlen, meine Akustikerin verlangte ~1.600€ Zuzahlung. Als ich sie mit dem Kostenvoranschlag meines Bruders konfrontierte, um in Preisverhandlungen zu gehen, stellte sie sich absolut stur – nicht das geringste Entgegenkommen!
    Darauf brach ich den Test ab.
    Ich habe selbst viele Jahre Preisverhandlungen mit Kunden geführt. Wenn ein Kunde abspringen will, muss man ihm beim Preis entgegenkommen. Wenn man diese Flexibilität nicht hat, ist man als Kaufmann ungeeignet. Eingeschnappt und pampig sein, wenn der Kunde verhandeln will, ist die falsche Antwort.
    Ich bin dann bei einem Internetanbieter fündig geworden: Bessere Leistung, einwandfreie Abwicklung, Updates der Kennlinien über Telefon, App und Bluetooth. Belästigt werde ich überhaupt nicht.
    Das ganze für 20€ = Rezeptgebühr!

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